Oskar Lafontaine über Demokratie und Freiheit

Freitag, 04.09.2026

Mirko

Neulich war Oskar Lafontaine bei Ben ungescripted zu Besuch. Ihr wisst: Das ist der Ben, der den Herrn Höcke eingeladen hat und jetzt auch mit Herrn Siegmund aus Sachsen-Anhalt gesprochen hat. Ben hat auch die anderen Spitzenkandidaten aus Sachsen-Anhalt eingeladen, aber niemand wollte mit einem Youtuber sprechen, der schon mal mit Höcke gesprochen hat. Nun muss man wissen, dass Bens Interviews mehr Views erhalten, als sämtliche Politsendungen in öffentlichen und privaten Sendern zusammengenommen.

Wenn jemand darstellen wollte, wieso die anderen Kandidaten diese Chance auf eine Verbreitung Ihrer Standpunkte nicht wahrgenommen haben, entstehen komplizierte Satzkonstrukte, denen man den Aufwand ansieht, mit dem man versucht hat, den Begriff „Dummheit“ zu vermeiden. Die anderen Politiker haben nicht etwa ihre Chance genutzt, ihre Standpunkte in einem reichweitenstarken Medium zu äußern. Stattdessen hat jemand bei Bens Bank angerufen und sich darüber beschwert, dass diese die Verbreitung von rechtsradikalen Inhalten unterstützt. Das wiederum führte zur Kündigung von Bens Konto. Willkommen bei der Verteidigung der Demokratie!

Im Gespräch mit Oskar Lafontaine geht es viel um den Begriff der Demokratie, und es gibt eine Diskussion über Kapitalismus. Auch wenn die eine oder andere Äußerung in dem Gespräch aus meiner Sicht eine Lücke aufweist, ist es ein sehr guter Anlass, einmal selbst über Demokratie und den Einfluss des Kapitalismus auf dieselbe nachzudenken. Im Übrigen werde ich im folgenden einfach kurz „Oskar“ schreiben, damit dieser Beitrag nicht zu sperrig wird.

Ben wirft ziemlich am Anfang des Gesprächs mal eine These in den Ring:

Wenn man nicht unterscheiden kann, was Propaganda ist, was falsch ist und was wahr, dann brauche ich nicht wählen gehen, denn ich wähle ja immer nur das, was irgendwelche Leute über Propaganda in mich reinsoufflieren. Und dann müsste man sich die Frage stellen: Ist denn Demokratie wirklich das beste System, oder ist es möglicherweise doch was anderes?

Was ist Demokratie?

Oskar erwidert, dass, wenn man auf der Ebene über Demokratie spricht, man erst mal wissen sollte, was Demokratie überhaupt ist. Er habe schon viele Gesprächspartner in Verwirrung gebracht mit der Frage: Sag mal, was ist denn Demokratie eigentlich?

Oder Begriffe wie Freiheit:

Erklär mal, was Freiheit ist.

Die Fragen nach der Bedeutung von Freiheit und Demokratie würde Oskar gerne allen Politikern in unserem Land vorlegen, wie in einem Test, sodass sie nicht voneinander abschreiben können. Das Resultat würde er gerne als Buch veröffentlichen und er glaubt, dass das ein Bestseller würde.

Nun liefert er selbst die Antwort auf die Frage nach der Demokratie, und zwar bei 1:35:00:

Demokratisch ist eine Gesellschaft, wenn sich die Interessen der Mehrheit durchsetzen.

In aller Konsequenz zu Ende gedacht, sagt er, dass nach diesem Kriterium eine Gesellschaft demokratisch sein kann, selbst wenn sie von einem Diktator regiert wird, weil der ja so klug sein kann, dass er eine gerechte Einkommensverteilung etc. pp. einführt, also Dinge die im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung sind.

Er sagt, dass das natürlich nicht das einzige Kriterium für Demokratie sein kann, aber es ist wie ein Lackmus-Test, ob eine Gesellschaft demokratisch genannt werden kann, oder nicht.

Die Wahl gegen die eigenen Interessen

Beide, Ben und Oskar, widersprechen sich in diesem Punkt nicht, weil wir ja genau dieses Phänomen beobachten: Die Menschen wählen Parteien, die klar gegen ihre eigenen Interessen agieren. Die Union hat angekündigt, dass sie die Zahlung von Zahnersatz streichen will. Und sie wird zu einem hohen Prozentsatz von Menschen gewählt, die davon betroffen sein werden.

Durch das Wirken des „Gesundheitsexperten“ Lauterbach wurden in der Bundesrepublik etliche Kliniken geschlossen. Das hat definitiv zu einer Verschlechterung der Gesundheitsversorgung geführt. Dennoch haben so viele Menschen die SPD gewählt, dass sie mit Olaf Scholz den Kanzler stellen konnte.

Wie kommt es, dass so viele Leute so schlechte Wahlentscheidungen treffen? Und hier sind wir wieder bei Bens These, der sagt: Es macht doch überhaupt keinen Sinn, mit ausgefeilter Propaganda bestimmte Aussagen in die Menschen zu implantieren, um sie dann ihre politische Vertretung wählen zu lassen. Was genau ist hier die Wahl an dieser Wahl?

Andererseits: Wenn ein Großteil der Bevölkerung nicht in der Lage ist, zu erkennen, was seine eigenen Interessen sind, wäre sie dann nicht durch einen „guten Diktator“ besser vertreten, als durch narzisstische Schaumschläger, die ohnehin nur Politik für sich selbst und ihr Klientel betreiben?

Ich muss jetzt hier mal eine Zäsur setzen: Was ich hier schreibe, ist nicht meine Auffassung, sondern ich nehme den Gesprächsfaden von Ben und Oskar auf und denke ihn einen Schritt weiter.

Ist in China der „gute Diktator“ am Werk?

Und da landen wir bei der eindeutig kapitalistischen Gesellschaft in China, die von einem Herrscher angeführt wird, der wohl das größte Parlament der Welt mit knapp 3.000 Delegierten anführt. Dort werden bestimmte Probleme identifiziert und politische Leitlinien ausgegeben. So hat man etwa um die Jahrtausendwende erkannt, dass zu viel Schadstoffemissionen in die Luft entlassen werden. Also legte man ein Programm zur Luftreinhaltung auf. Das Programm läuft jetzt seit mehr als 25 Jahren und brachte deutlich messbare Verbesserungen. Dieses Programm hat China zur weltweiten Marktführerschaft bei Solarmodulen, elektrischen Speichermodulen und E-Autos geführt.

So etwas ist nur möglich, wenn Politiker nicht nur bis zur nächsten Wahl denken.

Ein weiteres Detail, das mich beeindruckt hat, war der Aufbau einer Klinik mit über 1.000 Betten innerhalb von 14 Tagen, als die Corona-Epidemie in China losging. Ich finde bereits die Tatsache beeindruckend, dass man alles, was es dazu braucht, im Vorfeld angeschafft hat, um die Klinik im Fall des Falles so schnell aufbauen zu können. Und auch der Aufbau selbst war beeindruckend.

Ist in China jetzt der „gute Diktator“ am Werk? Das darf bezweifelt werden. Aber die Frage, auf die diese Diskussion hinausläuft, ist doch: Wenn wir nicht gut heißen können, was in China passiert, dann müssen wir es doch besser machen, oder nicht? Und das kann ich beim besten Willen nicht erkennen. Ihr könnt mir aber gerne Kommentare mit Argumenten schreiben, die zeigen, dass wir es eben doch besser machen.

Was definitiv keine Demokratie ist

Oskar Lafontaine führt seine Gedanken im nächsten Satz weiter:

Wenn gefragt wird, die USA, ist das eine Demokratie? Dann kann man sich ja nur ans Hirn fassen. Wenn man die sozialen Zustände dort kennt.

Und jetzt folgt ein Argument, das ich öfter im Rahmen der Kapitalismuskritik höre, das aber in meinen Ohren immer ein wenig schräg klingt.

Oder hier in Deutschland bei der Einkommens- und Vermögensverteilung... die Europäische Zentralbank hat gesagt, 5% der Deutschen besitzen die Hälfte des Vermögens, die anderen besitzen dann die andere Hälfte, da kann man nicht sagen, dass sich die Interessen des Volkes durchsetzen.

Das unterstellt, dass 95% der Bevölkerung immerhin 50% des gesamten Vermögens besitzen, also dass jeder irgendwie Vermögen hat, manche mehr, manche weniger. Das ist aber Quatsch. Es gibt einen großen Prozentsatz an Menschen in der Bevölkerung in Deutschland und noch größer in der Welt, der nicht auch nur über minimalste Ersparnisse verfügt. Deren Vermögen ist 0, und jeder, der auch nur einen kleinen Notgroschen auf der Seite hat, besitzt im mathematischen Sinn ein unendlich höheres Vermögen als diese Menschen. Aber wir verstehen die Absicht dessen, was er sagen will. Denn er fährt fort:

Was können Sie leichter in Deutschland durchsetzen: Die Mehrwertsteuer erhöhen, wovon alle betroffen sind, oder die Erbschafts- und Vermögenssteuer erhöhen? Damit beantwortet sich die demokratische Frage in dem Sinn: Wer hat die Macht? Die, die gewählt sind, oder die, die nicht gewählt sind?

Der letzte Satz geht auf ein Zitat von Horst Seehofer zurück, das Oskar vorher in dem Gespräch ausgegraben hat:

Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.

Der „Lackmustest“ in Sachen Demokratie würde also jetzt sowohl in den USA, als auch in Deutschland anzeigen, dass das wichtigste Kriterium fehlt, und das ist die Vertretung der Interessen der Bevölkerung durch die Politik.

Da wir gerade wieder einmal vor Wahlen stehen, könnt Ihr Euch darüber Gedanken machen, wieviel von den Interessen der Bevölkerung von der AfD vertreten werden wird, wenn die mal an der Macht sind? Da die meisten AfD-Politiker von der Union kommen, braucht man keine ausgeprägte Phantasie, um sich das ausmalen zu können.

Kapitalismuskritik á la Lafontaine

Oskar führt das in seinen Augen wichtigste Kriterium für Demokratie ein und findet, dass die westlichen Staaten in dieser Hinsicht schlecht abschneiden, weil es an der Ausgewogenheit der Entscheidungen fehlt. Es wird Politik für eine reiche Minderheit gemacht und mit dieser Erkenntnis verbindet er die Frage der Demokratie mit der ökonomischen Frage. Die soziale Ungerechtigkeit, die sich an der Vermögensverteilung festmacht, müsste von der Politik adressiert werden, wenn der Staat, in dem sich eine ungerechte Vermögensverteilung ergibt, ein demokratischer Staat sein soll.

Das ist meine Zusammenfassung von Oskars Argumentationslinie. Wenn ich sie falsch verstanden habe, dann könnt Ihr mich gerne korrigieren. Ich glaube nämlich, dass er hier einen Denkfehler begeht, der später in dem Gespräch mit Ben noch zum Thema werden wird. Der Denkfehler besteht darin, dass hier die falsche Reihenfolge betrachtet wird. Wenn wir uns auf die Vermögen fokussieren, wie sie sich als Ergebnis der Vermögensbildung akkumulieren, dann sind wir an der Stelle eigentlich zu spät dran. Das ist der Punkt, den viele Befürworter des Kapitalismus nicht verstehen und wo sie auch nicht mitgehen wollen: Das Vermögen ist das Eigentum der Besitzenden und diese sagen, dass es durch versteuertes Einkommen entstanden ist, das wiederum aus der „Arbeit“ des Geldes entsteht. Es bringt nichts, jetzt mit irgendwelchem staatlichen Zwang dieses Vermögen zu verteilen. Da liegt das Kind schon im Brunnen.

Ich möchte kurz skizzieren, wie sich Oskar aus dieser Malaise wieder herauswindet. Er sagt nämlich: Wenn ein Kapitalist mit seinem Vermögen zum Beispiel eine Werkshalle und Maschinen anschafft, dann gehören diese Investitionen dem Kapitalisten. Aber ab dann, also, wenn mit der Arbeit in der Werkshalle begonnen wird, tragen ja die Arbeiter dazu bei, dass sich das Kapital vermehrt, und wenn die Firma gut läuft, und weitere Hallen und Maschinen angeschafft werden, dann müsste diese zumindest teilweise der Belegschaft gehören. Er stellt dann so eine Art Genossenschaftsmodell vor, in dem von Anfang an mit dieser Maßgabe gewirtschaftet wird.

Sozialdemokratische Kapitalismuskritik?

Ben riecht den Braten und fragt, ob Oskar ein funktionierendes Beispiel nennen kann. Da wird‘s jetzt bei Oskar ein wenig dünne, aber Mirkos Blog kann aushelfen. In den 90er Jahren hatten die Besitzer der Brauerei Reuttberg in Oberbayern das Unternehmen an die Wand gefahren. Die Firma musste schließen. Da setzten sich die Mitarbeiter zusammen und überlegten, ob sie es sich leisten könnten, die Firma in Eigenverwaltung zu übernehmen. Mit Hilfe einer Bank setzten sie die Produktion fort. Sie setzten auf die Marketingstrategie einer kleinen hochqualitativen Brauerei und hatten bald sehr großen finanziellen Erfolg. Die Firma expandierte und musste Teile der Produktion von externen Brauereien übernehmen lassen, weil ihre eigenen Kapazitäten nicht mehr ausreichten.

Damit hätten wir zumindest ein funktionierendes Beispiel. Aber ist das die Lösung? Wenn wir einen Großteil der kapitalistischen Wirtschaft auf Genossenschaften umstellen: Wie viel Kapitalismus brauchen wir dann noch in der Gesellschaft? Hat sich das dann nicht überlebt?

Die Gedanken, die sich Oskar in Sachen Kapitalismuskritik macht, haben große Lücken. Den Kapitalismus im Rahmen des Kapitalismus zu „entschärfen“, ist ein ehrenwertes Unterfangen, aber es funktioniert nicht. Das spüren Menschen wie Ben, der sich als „bekennenden Kapitalisten1“ bezeichnet.

Ich möchte Euch den Kern des Problems (aus meiner Sicht) nicht schuldig bleiben: Es ist das Konzept, dass Kapital sich vermehren muss. Dabei geht weniger um den Aufbau von Produktionsstätten in der Realwirtschaft. Es geht um Investitionen in Finanzprodukte, deren Wert ständig wachsen muss. Das ist rein von der Logik her auf Dauer nicht möglich, weil das eine Exponentialfunktion ergibt, die man nicht dauerhaft weiterlaufen lassen kann. Jedes Wachstum – in der Natur wie in der Ökonomie – ist abhängig von Ressourcen3 und diese sind nicht unendlich verfügbar. Irgendwas geht immer aus, und seien es nur die Abnehmer von produzierten Waren in der Realwirtschaft.

Das erzeugt regelmäßig Krisen und diese werden irgendwann so massiv, dass sie nur durch Kriege gelöst werden können. Das ist der Punkt, an dem weiteres Wirtschaftswachstum nur noch durch vorherige Zerstörung möglich ist. Aufgrund dessen finde ich einen Satz zutreffend, den Oskar am Anfang des Gesprächs fallen lässt:

Der Kapitalismus bringt den Krieg mit sich, wie die Wolken den Regen.

Wenn das so ist: Warum will Oskar dann die kapitalistische Wirtschaftsordnung unbedingt erhalten?

Jetzt wollen wir aber noch hören, was der „bekennende Kapitalist“ zum Besten gibt.

Was sagt der „Kapitalist“?

Die Verteilung der Vermögen ergibt sich aus Bens Warte aus einer Art Naturgesetz, der Pareto-Verteilung. Ich glaube, dass er nicht so ganz versteht, wie das mit der Pareto-Verteilung funktioniert. Wenn 5% der Bevölkerung 50% des Vermögens besitzen, dann würde sich die Verteilung so fortsetzen, dass 5% aus dem Rest (aus den 95%) der Gesamtbevölkerung wiederum 50% des Restes des Vermögens besitzen, also 4,75% besitzen 25% des Gesamtvermögens. Damit bleiben wieder zwei Reste und die teilen sich wieder im Verhältnis 5% und 50% auf, etc.

Solch eine Verteilung läuft nie auf 0 heraus und daran kann man schon merken, dass mit dem Modell etwas nicht stimmen kann. Die Bundeszentrale für politische Bildung sagt, dass etwa 14,5% der Bevölkerung überhaupt kein Vermögen besitzen und weitere 6-9% sind überschuldet: Ihre Schulden übersteigen den Wert ihres gesamten Besitzes. Etwa 27% der Bevölkerung haben keinerlei finanzielle Rücklagen.

Im Rest der Welt ist es schlimmer: Ich könnte einen eigenen Artikel darüber schreiben, wie in „unterentwickelten“ Ländern Menschen systematisch in finanzielle Abhängigkeit gebracht werden, damit sie gezwungen werden können, zu Dumpinglöhnen Produkte herzustellen, die dann in unseren Ländern günstig gekauft werden können.

Aber zurück zu unserem bekennenden Kapitalisten. Er vergleicht, wie es den Menschen heute geht und wie es ihnen vor 30 bis 50 Jahren ging (bei 1:38:44 im Video).

Ich kann heute mit Mindestlohn in den Aldi gehen und mir für 1,29€ im Sonderangebot eine Mango kaufen. Eine Mango ist eine Südfrucht, von der Sie in Ihrer Jugend wahrscheinlich noch nie gehört haben. Ich kann mir das heute als einfacher Arbeiter, leisten, für, wenn man das runterrechnet [...] wenn es richtig schlecht läuft [...] 10 Minuten. Also ich arbeite für eine Mango, die im Sonderangebot ist, ungefähr 10 Minuten.

10 Minuten für eine Südfrucht, wenn man sich das überlegt: die wird irgendwo in einem südlichen Land angebaut, geerntet, gedüngt, dann kommt die irgendwo in einen Container und auf ein Schiff oder einen LKW [...] und dann kommt die irgendwann zu mir, und ich muss nur 10 Minuten dafür arbeiten.

Und wenn man damals gesagt hätte, pass mal auf, möchtest Du, dass Du in einem System aufwächst, wo ihr alle demnächst Mangos habt, und so viele Würstchen und Steaks und dann hätten doch damals alle gesagt: Ja das wird auf jeden Fall gut. Und dann müsste man dazu sagen: Der Preis ist halt, dass einige viel, viel, viel mehr Mangos haben...

Und wir können mal gucken, was in der DDR passiert ist, wo es eine extreme Umverteilung gab, hatte keiner irgendeine Mango versus alle haben Mangos, aber unterschiedlich viele.

Der Kapitalismus scheint Werte zu schaffen, das scheint mir empirisch sehr stark belegt, und scheint aber gleichzeitig Ungleichheiten entstehen zu lassen.

Zunächst mal: Wenn nicht alle Beteiligten auf der Strecke vom Anbau bis zum Angebot im Supermarkt an der Mango einen Profit erwirtschaften, dann gibt es keine Mango. Punkt. Wenn wir statt Mangos Antibiotika für Kinder betrachten, so stellen wir fest, dass es hier vor ein paar Jahren einen Mangel gegeben hat, weil die beteiligten Player nicht genug damit erwirtschaftet haben.

Für den Shareholder Value ist es unerheblich, ob Kinder sterben oder nicht. Und was die Mangos anbetrifft: die Tatsache, dass jeder an der Mango mitverdienen muss, lässt erahnen, wie groß der Anteil der Produzenten an den „10 Minuten“ als Preis für die Mango ist. Da sind wir gleich mal bei 1,29 € Tagesverdienst.

Das lässt die Schwäche erkennen, die beide in ihrer Argumentation haben: Sie schauen nur auf die Verteilung der erwirtschafteten Reichtümer und nicht auf die Verhältnisse in der Produktion ebendieser Reichtümer – und die Tatsache, dass sich die Produzenten der Mangos unter Umständen die von ihnen angebauten Produkte selbst nicht leisten können.

Wirtschaft besteht – aus großer Höhe betrachtet – aus Produktion und Verteilung. Beides zusammen bildet die konkreten Lebensverhältnisse der Menschen. Die müssen wir uns weltweit ansehen, um beurteilen zu können, ob ein bestimmtes Wirtschaftssystem tatsächlich allen Menschen einen Anteil des produzierten Reichtums zukommen lässt.

Bens Beispiel wirft im Übrigen ein Licht auf die Machtverhältnisse auf der Welt, die oft als Nord-Süd-Gefälle bezeichnet werden. Dass so viele Menschen auf der Welt für mikroskopisch kleine Löhne unsere Produkte herstellen, liegt nicht daran, dass sie sich mit freiem Willen dazu entschieden haben. Es ist Ausdruck der Machtverhältnisse auf der Welt, die mit militärischen Mitteln hergestellt worden und von Kapitalisten vor allem in den USA finanziert worden sind.2

Oskar fügt dem Ganzen Thema noch einen bemerkenswerten Satz hinzu:

Durch die immer größer werdende Akkumulation von Kapital macht sich die Einkommensschere immer weiter auf, die Vermögenden können sich politische Entscheidungen kaufen, was das Ende aller Demokratie ist, und ohne einen funktionierenden Mechanismus zur Einkommens- und Vermögensbildung, also Gerechtigkeit, ist Demokratie völlig unmöglich, denn dann haben wir Oligarchien. Die USA ist klar eine Oligarchie. Das sagt nicht Oskar Lafontaine, sondern es ist ein Zitat von Jimmy Carter.

Zum Verständnis: „Das sagt nicht Oskar Lafontaine“ hat Oskar wortwörtlich so gesagt.

Mein Demokratie-Lackmustest

Mein Demokratie-Lackmustest wäre das Maß von Philosophie in der breiten Bevölkerung, sprich: das Maß an Liebe zum Wissen. Noch besser gefällt mir der Begriff Erkenntnis statt Wissen. Mit Wissen könnt Ihr zu „Wer wird Millionär“ gehen. Erkenntnis ist Wissen, das durch eigenständiges Denken in das Weltbild der Menschen integriert wird. Die Voraussetzung dafür ist eine gute Bildung: Das ist die Summe an Tätigkeiten, mit denen wir uns Wissen in verschiedenen Bereichen aneignen, sowie die Logik, die für die Integration des Wissens unabdingbar ist.

Dazu kommt noch eine weitere Eigenschaft, das ist die Offenheit. Wir müssen in der Lage sein, durch neue Erkenntnisse unser Weltbild anzupassen. Diese Offenheit ist eine Eigenschaft, die eher in die Psychologie hineinreicht. Sie ist bedingt durch die Struktur des emotionalen Bewegungsapparats, oder etwas menschlicher ausgedrückt: durch das Ausmaß (oder das fehlen) an emotionaler Panzerung. Die emotionale Durchlässigkeit, die Empathie, sind Voraussetzungen des offenen Denkens, das geniale Menschen auszeichnet. Ich habe darüber in einem Beitrag geschrieben, in dem ich erzähle, dass ich in meiner Jugend „genial“ werden wollte und was daraus geworden ist.

Da kommen wir wieder zurück zur Eingangsfrage von Ben: Wieviel Demokratie ist in einer Gesellschaft möglich, in der die Menschen mit Propaganda statt Information, mit Werbung statt Bildung überflutet werden? Wieviel Demokratie ist möglich in einer Gesellschaft, in der die meisten Menschen eine antigeniale Haltung aufweisen? Betrachtet einmal den Erfolg der AfD. Die Partei rekrutiert sich aus Ex-Unions-Politikern und -Wählern, die jahrelang Parteien unterstützt haben, die klar gegen ihre eigenen Interessen agiert haben. Was erwarten dieselben Personen jetzt von der AfD? Dass die etwa ihre eigenen Interessen vertritt?

Wir lachen alle mal

Wieviel Philosophie und damit Demokratie wird man erwarten können, wenn eine Partei an die Macht kommt, die den „normalen“ Menschen zum Maß aller Dinge macht? Wie viele sachorientierte Diskussionen können wir erwarten, wenn das Misstrauen gegen „studierte“ Personen genauso gepflegt wird, wie Patriotismus und der Wille, das „Vater“-Land zu verteidigen?

 

1 Das lässt darauf schließen, dass er nicht so recht weiß, was ein Kapitalist ist. Er mag sich einen bekennenden Befürworter des Kapitalismus nennen, aber ein Kapitalist ist derjenige, der Kapital in einem Umfang einsetzt, der geeignet ist, die Produktionsverhältnisse und damit die konkreten Lebensverhältnisse von Menschen zu beeinflussen. Kapitalisten sind zum Beispiel diejenigen, die nennenswerte Anteile an der Handvoll großer Lebensmittelproduzenten halten, die bestimmen, was täglich auf unserem Tisch landet – oder eben nicht dort landet.

2 Wobei sicherlich eine Rolle spielt, dass einerseits mit Hilfe der Fed unbegrenzte Geldmittel zur Verfügung gestellt wurden, Geldmittel einer Währung, die man jederzeit in Gold umtauschen konnte. Die Fed wurde 1913 gegründet und es dauerte bis 1971, bis Spekulanten versuchten, im größeren Stil US$ in Gold umzutauschen. Im Grunde genommen war die Goldbindung des Dollars ein Betrug, ein Versprechen, das nie eingelöst hätte werden können. Mit diesem überbewerteten Dollar hat sich die USA zur Weltmacht entwickelt.

3 Der Begriff Ressource ist hier abstrakt gemeint. Auf der abstrakten Ebene haben wir ein Gleichungssystem, das Wachstum beschreibt. Jedes Wachstum beginnt mit ausreichend Ressourcen und ist von daher exponentiell. Dann aber gehen Ressourcen zur Neige, wodurch die Welle des Wachstums wieder auf null zurückgeht. Ich habe das Prinzip hier beschrieben. In der Beschreibung seht Ihr ganz gut, dass die Ressourcen, die Wachstum hemmen, im konkreten Fall völlig unterschiedliche Dinge sein können. Aber das Prinzip bleibt das gleiche.