Wut und Bewusstsein
Montag, 25.05.2026
Ich wurde von einer Zeitschrift gebeten, etwas über meinen Umgang mit Wut zu schreiben. Da gibt es tatsächlich einiges zu erzählen. Dieser Beitrag enthält die ungekürzte Version des Artikels, den ich eingereicht habe.
Ich wurde von einer Zeitschrift1 gebeten, etwas über meinen Umgang mit Wut zu schreiben. Da gibt es tatsächlich einiges zu erzählen. Und wenn wir uns über solche Themen unterhalten, ist es wichtig, die Begriffe, mit denen wir hantieren, zu verstehen und sie auseinander zu halten:
Wut, Aggression, Hass, Destruktion, Verzeihen, Heilen
Dabei soll dieser Artikel aber keine theoretische Abhandlung werden, vielmehr möchte ich im Rahmen des Möglichen bei meiner eigenen Lebensgeschichte bleiben.
Ich begab mich als 23jähriger in eine Orgontherapie, eine Art der körperorientierten Psychotherapie, die auf den Arbeiten des Psychoanalytikers und Naturforschers Wilhelm Reich basiert. Ich hatte kurz zuvor zwei seiner Werke gelesen und war der Ansicht, dass ich eine solche Therapie durchlaufen müsse.
Es mag etwas seltsam klingen, aber der Beweggrund für die Therapie war, dass ich „genial“ werden wollte. Und ich hatte bei Reich gelesen, dass neurotische Charakterzüge die Fähigkeit, rational zu denken und zu forschen, beeinträchtigen.
Ich fing also die Therapie mit hohen Zielen an. Aber es begann sehr unangenehm, weil mich der Therapeut mit einem bestimmten Thema ziemlich provozierte. Er sagte so etwas wie: Du könntest bei Mutter Theresa mithelfen. Dabei imitierte er meinen Gesichtsausdruck. In einer weiteren Sitzung kam er auf den Papst zu sprechen. Die Therapie fand in Rom statt und der Therapeut meinte: Der Papst ist nicht weit, wir könnten Dich bei ihm für die großen Friedenspreise vorschlagen.
Ich fragte mich, warum ich mich diesen Provokationen überhaupt aussetzen sollte. Aber ich blieb dran, weil ich ahnte, dass da etwas dran war. Mein ganzes Wesen, mein Gesicht, meine Haltung drückte aus: „Ich bin ganz harmlos, ich tue niemanden etwas, also tu mir auch nichts.“ Ich war das Mensch gewordene Friedenslamm. Und der Therapeut hatte mit seiner Erfahrung im Umgang mit Patienten erkannt, dass das eine Maskerade war, die meiner Entwicklung im Weg stehen würde.
Vom Friedenslamm zum Vulkan der Wut
Nach einiger körperlichen Arbeit und Gesprächen über meine Attitüde gegenüber der Welt zeigte sich bald das wahre Ausmaß des Desasters, mit dem ich in die Therapie gekommen war. Ich war voller Hass und Wut und so verwandelte sich die Couch im Therapieraum in eine Mördergrube. Gleichzeitig begann ich zu verstehen, dass all diese Regungen ihre Berechtigung hatten, denn das Leben hatte mir bis dahin ziemlich übel mitgespielt.
Was hier passierte, könnte man die Entropie der Emotionen nennen. Für diejenigen, die nicht wissen, was die Entropie ist, hilft vielleicht das Zitat, mit dem der Professor Yellnikow in Woody Allens Film „Whatever Works“ seiner jungen Mitbewohnerin den Begriff erklärt: Entropie ist, wenn die Zahnpasta nicht mehr in die Tube zurück will.
Stellt Euch einen Böller vor. Mit einem geringen Einsatz an Energie, wenn man die Zündschnur anzündet, wird eine heftige Reaktion hervorgerufen, die den Böller spontan in tausend Stücke zerreißt. Wir können nun bis ans Ende aller Zeiten neben den Resten des Böllers sitzen: er wird nicht mehr spontan in seinen Ausgangszustand zurückkehren.
So ist es mit den Emotionen. Mein Therapeut hat eine geringe Menge Energie eingesetzt, um eine riesige Menge an emotionaler Energie freizusetzen. Daher an dieser Stelle eine Warnung: Solche aufdeckenden Eingriffe sollten nur in Begleitung von Personen stattfinden, die genau wissen, was sie tun.
Intuition
Ich war gekommen, um die Voraussetzungen für Genialität zu schaffen, und nun war ich in Behandlung als jemand, dem bewusst wurde, dass er ernsthafte psychische Schwierigkeiten hatte.
Aber in gewisser Weise spiegelte der Wunsch nach Genialität genau das Problem. Unterschiedliche geniale Menschen beschreiben regelmäßig das Phänomen, dass ihnen ihre Entdeckung einfach so zugeflogen ist. Man nennt das Intuition und Luis Pasteur fasste das in einem schönen Satz zusammen:
Der Zufall begünstigt den vorbereiteten Geist
Von welcher Art Vorbereitung ist hier die Rede? Das Zitat von Pasteur legt nahe, dass zweierlei dazugehört:
Ein offener Geist. Geniale Menschen sind deshalb genial, weil sie neue Dinge entdecken oder in neuen Wegen denken. Ein Mensch, der auf starren Regeln beharrt und Angst vor allem Neuen hat, wird nicht empfänglich für bahnbrechende Eingebungen sein. Auf meine Situation bezogen: Wie offen konnte der Geist eines jungen Mannes sein, der all seine Kraft aufwenden musste, um den Druck seiner wütenden Emotionen unter Kontrolle zu halten?
Zur Vorbereitung gehört die profunde Kenntnis der Materie, mit der wir es zu tun haben. Von Einstein sind die Briefe an seine Partnerin Milena überliefert, in denen beide sich begeistert die Fortschritte beim Studium ihrer Lieblings-Physiker berichteten.2 Sie haben hart daran gearbeitet, sich in die Materie einzuarbeiten. Das Ergebnis ist allen bekannt. Aber was war mit mir? Ich hatte in diesen jungen Jahren einen sehr hohen Anspruch an mich selbst, was ich alles leisten müsste, um mich mit dem Wissen zu versorgen, das ich für unbedingt notwendig hielt. Aber wie viel Kraft zum Arbeiten blieb mir angesichts der großen Anstrengungen, meinen inneren Vulkan unter Kontrolle zu halten?
In meinem Leben drehte sich damals alles um die Arbeit und meine Fähigkeit zu arbeiten. Mit Arbeit meinte ich die sinnbehaftete Arbeit, nicht die Jobs, mit denen ich mich über Wasser hielt. Ich hatte manische Phasen, in denen ich nichts arbeiten konnte, weil die Erregung zu groß war und ich nicht wusste, welchen Teil des Berges an Arbeit, den ich vorhatte, ich als erstes anpacken sollte. Dann hatte ich wiederum depressive Phasen, in denen ich daran litt, dass ich nichts zuwege brachte und von daher antriebslos war.
Dann gab es Phasen dazwischen, in denen die Erregung nicht ganz so intensiv war. Ich spürte schon am Morgen, dass ein Tag begann, an dem ich fähig sein würde, zu arbeiten. In einem unheimlichen Tempo versuchte ich, so viel wie möglich an wichtigen Erledigungen und sinnvoller Arbeit in diesem Tag unterzubringen, weil ich nicht wusste, was der nächste Tag bringen würde.
Das Ausleben von Emotionen
Für mein Umfeld war ich eine einzige Zumutung. Ich ließ meine Mitmenschen meine schwankenden Stimmungen spüren und hatte zwischendrin unkontrollierte Wutanfälle, die mir und anderen so manche unangenehme Situation bescherten.
Für diese Wutanfälle schämte ich mich und so brauchte es eine ganze Weile, bis ich sie in der Therapie zur Sprache brachte. Das hätte ich früher tun sollen, denn der Therapeut hatte einen sehr guten Tipp für mich, auf den ich gleich zu sprechen komme und der eine der Kernaussagen für diesen Artikel ist. Vorher möchte ich aber noch ein wenig Hintergrund dafür schaffen.
Wilhelm Reich beschrieb in seinen Schriften den Aufbau des neurotischen Charakters in drei Schichten. Ganz im Inneren befindet sich der lebendige Kern des Menschen, mit dem wir alle geboren werden. Er besteht aus lebensfrohen, lustvollen Impulsen, mit denen sich Kinder auf die Menschen und die Welt zubewegen.
Erfahrungen von emotionaler Kälte, willkürlichen, sadistischen Handlungen von Erwachsenen und brutaler Gewalt kehren diese Impulse um. Zunächst reagieren Kinder mit Wut auf diese Erfahrungen, aber diese Wut führt zu noch intensiveren Reaktionen bei den Eltern und Erziehern, sodass auch diese Emotion über eine lange Zeit konserviert wird, bis sie in Hass umschlägt.
Hass
Viele Menschen beschreiben den Hass als das Gegenteil der Liebe, aber der Hass ist nicht direkt das Negativ der Liebe. Er hat eine andere Genese. Liebe ist im Kern des Menschen spontan verfügbar, Hass wird in einem längeren Prozess über Jahre ausgebrütet.3
Über dieser Schicht von Wut und Hass befindet sich als dritte Schicht eine dünne Decke der Zivilisation. Diese besteht aus Höflichkeit, Konventionen und Gesetzen, die dazu dienen, die mittlere, dunkle Schicht der Menschen unter Kontrolle zu halten.
Ich wuchs in einer Zeit auf, in der unsere Elterngeneration vom Krieg tief traumatisiert war. Kaum jemand in dieser Generation wagte es, über seinen Schmerz oder seine leidvollen Erinnerungen zu sprechen.
Ich war in meinem Umfeld einem hohen Maß an Gewalt und sinnlosen sadistischen Quälereien ausgesetzt. Mein persönliches Leiden war aber kein Einzelfall: Ein hoher Prozentsatz meiner Generation kann über ähnliche Umstände berichten. Ein Großteil der Menschen in meiner Generation trug einen ähnlichen Hass und einen ähnlichen Vulkan an Wut und destruktiven Impulsen in sich, wie es bei mir der Fall war. Doch die wenigsten wagten es, sich das anzuschauen.
Ich hatte in meiner Therapie einen geschützten Raum, in dem all das bewusst werden konnte, in dem all das Platz hatte und in dem im Lauf der Zeit die Energie, der Dampf, der hinter meiner zweiten Schicht lag, abgelassen werden konnte.
Bewusstsein als Kern der Heilung
Ich möchte in diesem Zusammenhang auf ein Missverständnis zu sprechen kommen, dem ich selbst eine Weile nachhing. Viele Menschen, die mit solcher Art an aufdeckender Therapie nicht vertraut sind, glauben, dass es auf das Ausleben der Wut und der destruktiven Impulse ankommt. Es stimmt: es verschafft eine kurzfristige Erleichterung, wenn der „Dampf abgelassen“ werden kann, aber das Wichtige, das Heilende ist das Bewusstsein, das sich in diesen Momenten entwickelt.
Hier kommen wir zu dem Tipp des Therapeuten, den ich vorhin schon angesprochen habe. Er sagte: Wenn dich das nächste Mal die Wut überkommt, dann spule deine Erinnerung zurück, wie einen Film den du nochmal anschaust. Schau dir die letzten Sekundenbruchteile an, bevor die Wut dich übermannt hat. Was ist das Gefühl in dem Moment, kurz bevor es in Wut umschlägt?
Ich brauchte nicht lange, bis ich sehen konnte, dass das ein tiefer Schmerz war, gepaart mit einem Gefühl der Ohnmacht, das natürlich in meiner Kindheit seine Berechtigung hatte. Aber jetzt war ich ein zu einem kräftigen Mann herangewachsen. Es wurde Zeit, sich vom Glauben an meine Ohnmacht zu trennen. Der Tipp des Therapeuten brachte mir die Erkenntnis über diesen Schmerz und hatte eine unmittelbare Wirkung: Ich hatte ein Alarmsystem zur Verfügung. Ich konnte spüren, wenn die Wut sich anbahnte und konnte sie in einen Container packen. Dort blieb sie, bis ich sie in einem geschützten Rahmen ausleben konnte.4
Nun waren der Schmerz, die Trauer und immer wieder die Ohnmacht die Emotionen, die meine Therapiestunden füllten. Ich wurde mitfühlender und liebevoller im Umgang mit meinen Mitmenschen, ich suchte mir eine Arbeit, die mir Freude bereitete, und merkte gar nicht, dass ich sie einfach ausführen konnte, ohne darüber nachzudenken, ob ich einen guten oder schlechten Tag hatte.
Ich lernte meine erste Frau kennen, mit der ich immerhin 20 Jahre gemeinsam durchs Leben ging, und führte ein interessantes und abwechslungsreiches Leben. Musste ich dazu genial werden? Nein, das war nicht nötig.
Der entscheidende Punkt der Heilung war das Bewusstsein. Ja – da war Wut und Hass und Destruktivität. Aber es war hilfreich, all das sehen zu können. Wie Thích Nhất Hạnh5 einmal sinngemäß schrieb: Koche diese Emotionen wie Kartoffeln, und wenn sie durch sind, dann sind sie ein schmackhaftes Gericht. Wer nicht sehen kann, was wirklich ist, der kann daraus kein schmackhaftes Gericht bereiten. Bei mir hat es ein paar Jahre gedauert, aber dann war das Gericht bereitet.
Verzeihung
Ich habe nicht nur einige Zeit mit der Praxis verbracht, die Thích Nhất Hạnh gelehrt hat, sondern war auch in anderen spirituellen und psychologischen Schulen unterwegs. Dort begegnete mir oft ein missverständliches Konzept des Verzeihens: als ob das Verzeihen an sich Situationen lösen könnte.
Ich habe weiter oben schon ein wenig angedeutet, in welchen Verhältnissen ich aufgewachsen bin. Als ich mit sieben Jahren gerichtlich meinem Vater zugesprochen wurde, der mittlerweile wieder geheiratet hatte, ordneten sich die Verhältnisse zumindest äußerlich. Aber die Stiefmutter war mit der Situation, dass plötzlich drei Kinder im Haus waren, völlig überfordert.
Auch sie war durch Krieg, Vertreibung und einem unglaublichen Ausmaß an Ausbeutung, das sie als Flüchtling ertragen musste, seelisch gezeichnet. Sie war sehr streng und ein ziemlich pedantisch. Sie verbrachte viel Zeit damit, vor Bekannten und Verwandten darüber zu jammern, welche Probleme wir ihr bereiteten. Und im Stile vieler Eltern aus einfachen Haushalten in dieser Zeit ließ sie uns jeden Tag aufs Neue wissen, dass aus uns nichts Gescheites werden würde. Es gab nur seltene Momente von Zuneigung.
Je älter wir wurden, umso feindseliger wurde das Umfeld in der Familie, sodass ich nichts mehr herbeisehnte, als den Tag, an dem ich meine eigenen Wege gehen konnte.
Als es dann endlich so weit war, schritt ich in mein Leben hinaus, ohne zurückzublicken. Ich brach den Kontakt zu meinem Elternhaus ab. Meinen Vater traf ich hin und wieder, wobei er Wert darauf legte, dass seine Frau nichts von diesen Begegnungen erfuhr.
Ich versuchte, mein eigenes Leben zu leben, und Ihr könnt Euch nach dem bisher Gesagten vorstellen, was dieses Leben vorerst einmal für mich bereithielt. Es gab einige Schwierigkeiten zu meistern.
An Verzeihen war nicht zu denken. Obwohl mir aus der Lektüre meiner Bücher klar war, dass meine Eltern nichts dafür konnten, dass sie mir einiges an Leid zufügten, hätte es für mich keinen Sinn bereitet, den Kontakt wiederherzustellen, zu verzeihen und zu hoffen, dass sich daraus ein gutes Verhältnis entwickeln würde. Damit das funktionieren konnte, musste ich erst einmal einen festen Stand in meinem Leben finden.
Die Formel: „Verzeihen ist gut“ ist zu kurz gegriffen. Ich habe einige Beispiele von Menschen erlebt, die in hochgiftigen Familiensystemen verblieben sind, weil sie auf irgendein Wunder hofften, das sich darin ergeben könnte. Vor allem Frauen sind nach meiner Erfahrung sehr anfällig für eine ewige Suche nach Anerkennung in einem Umfeld, aus dem sie rational besehen keine Anerkennung erwarten können.
Da gibt es zum Beispiel eine Jugendfreundin von mir, die mit Mann und vier Kindern lebt und immer noch darunter leidet, dass ihre Mutter ihre Partnerwahl missbilligt. Die Kinder sind mittlerweile erwachsen und gehen in ihr eigenes Leben hinaus. Aber sie wartet als über 50jährige immer noch auf ein Zeichen der Anerkennung durch ihre Mutter.
Verzeihung hat eine Voraussetzung
Verzeihung benötigt eine Voraussetzung: dass die verzeihende Person erwachsen ist. Um erwachsen zu werden, müssen wir uns von der Abhängigkeit von unseren Eltern lösen. Ich kann einfach nur raten: Wenn Ihr Euch in einem giftigen System mit Euren Eltern befindet, nutzt die Zeit, die Ihr habt, um außerhalb des Systems Euer Leben aufzubauen. Je früher das geschieht, umso günstiger ist die Prognose.
Ich habe 1977 mein Elternhaus verlassen. 17 Jahre später wurde mein Vater zum Pflegefall. Er lag ganze sieben Jahre im Pflegeheim, bevor er endlich diese Welt verlassen durfte. Ich versuchte, ihn möglichst regelmäßig zu besuchen, wobei es wieder zu Begegnungen mit meiner Stiefmutter kam. Wir tauschten mit der nötigen Distanz ein paar Höflichkeiten und Erzählungen aus.
Leider musste mein Vater nach einer Weile in ein Pflegeheim nach München umziehen. Dort war die Versorgung mit ausreichend Flüssigkeit ein großes Problem. Meine Stiefmutter war in diesen sieben Jahren jeden einzelnen Tag bei ihm im Pflegeheim. Sie wollte – und musste auch – täglich nach dem Rechten sehen. Das nötigte mir einen sehr großen Respekt ab und zeigte mir das ganze Ausmaß der Liebe, zu der diese Frau fähig war.
Als mein Vater dann starb, kam sie auf mich und meine Frau zu und fragte, ob wir uns nicht ab und zu treffen können. Aber natürlich konnten wir. Ab diesem Zeitpunkt gab es regelmäßige Treffen. Sie bekam mit, wie meine erste Ehe in die Brüche ging, und feierte meine zweite Hochzeit mit. Ab und zu brauchte sie Hilfe und wir kamen und halfen gerne.
Meine Schwester und ich liebten es, mit ihr gut essen zu gehen und wir hatten viel Spaß dabei, wobei auch meistens die Partner mit einbezogen waren. Der alte Schmerz war vergessen und vergeben. Was blieb, war reine Liebe.
Das konnte nur passieren, weil ich unabhängig vom Elternhaus mein eigenes Leben aufgebaut und mich von ihrem Urteil frei gemacht hatte (das gilt übrigens auch für meine Geschwister). Als wir uns wieder begegneten, war ich nicht nur vom Alter her, sondern als Persönlichkeit erwachsen.
Das möchte ich den jüngeren Menschen mitgeben: Kümmert Euch um einen festen Stand im Leben. Dann kommt das Verzeihen ganz von selbst.
Aggression
Ich kann diesen Artikel nicht beenden, ohne kurz auf das Thema Aggression zu sprechen zu kommen4. Auch hier gibt es viele Missverständnisse. Wir Menschen haben ein autonomes Nervensystem. Dieses Nervensystem steuert unsere Reaktionslage zwischen Stress und Entspannung. Es besteht aus zwei Nervensträngen, dem Sympathikus, der für Flucht und Kampf zuständig ist, und dem Vagus, der für Entspannung und Lust zuständig ist.
Es können nicht beide gleichzeitig aktiv sein und so befinden wir uns im steten Wechsel zwischen Stress und Entspannung.
Der Sympathikus gibt nun unserem Handeln und den damit verbundenen Emotionen eine gewisse Schärfe. Das ist wichtig für die Abgrenzung gegenüber den Ansprüchen anderer Personen und ebenso für die Durchsetzungsfähigkeit im Leben. Je nach Situation kann dabei schon ein gehöriges Maß an Energie notwendig werden und das zeigt sich dann als Aggression.
Wer seine Wut unterdrückt, ist nicht fähig, Aggression zu entwickeln. Eine solche Person ist nicht in der Lage, sich in den essentiellen Fragen des Lebens durchzusetzen. Ein rationaler Umgang mit der Wut ist die Voraussetzung. Das erfordert:
Die Bewusstheit: zu spüren, dass die Wut entsteht,
Das Containment: das Zurückhalten der Wut, wenn wir uns nicht in einem geschützten Rahmen bewegen,
Die Befreiung: das Ablassen des Dampfes, der sich noch im Container befindet. Das kann zum Beispiel durch Sport geschehen, auf jeden Fall in einem angemessenen Rahmen5.
Dann geschieht etwas Magisches: Menschen in Eurem Umfeld spüren, dass Ihr fähig seid, Aggression zu entwickeln – auch und gerade dann, wenn Ihr gar nicht aggressiv seid. Und das verschafft Euch eine natürliche Autorität. Diese Autorität sorgt dafür, dass Ihr praktisch nie in einer Begegnung die Aggression benötigt.
Befreiung
Die Befreiung beginnt mit dem Bewusstsein: Zu sehen, was wirklich ist, selbst dann, wenn es weh tut und Dunkles offenbart. Hilfreich dabei kann in hohen Erregungszuständen die Gehmeditation sein. Sehr hilfreich ist es, ruhig und tief zu atmen. Versuche einmal, eine Weile tief zu atmen, und dabei bis 10 zu zählen. Für jeden Atemzug die nächste Zahl. Wenn Du bei 10 angekommen bist, geht es rückwärts bis zur Eins. Dann wieder vorwärts.6
Die Befreiung beginnt mit dem Bewusstsein. Der Rest fällt von alleine an seinen Platz.
1 Es handelt sich um die Intersein-Zeitschrift, Ausgabe 68, Mai 2026. Der Artikel ist dort gekürzt erschienen.
2 Die Zeit war leider noch nicht reif für die Art der Beziehung, die die beiden zu führen versuchten. Daher nahm die Geschichte von Einstein und seiner ersten Frau eine sehr betrübliche Wendung.
3 Heutzutage gibt es eine inflationäre Nutzung des Begriffes Hass. Häufig wird er in Zusammenhang mit der Entmenschlichung in rassistischen Ideologien gebracht. Der Hass ist nicht identisch mit der Ideologie und auch nicht mit der vielzitierten „Hate Speech“. Hass als Folge eines emotionalen Desasters bei Kindern ist die Grundlage, auf der menschenfeindliche Ideologien wachsen. Ob sich die Ideologien gegen Muslime, Juden oder die bösen Russen richten: Sie wachsen immer auf der Grundlage der Zerstörung der lebensbejahenden Impulse bei Kleinkindern. Wir können noch so viele Erziehungsmaßnahmen bei Erwachsenen ansetzen, es wird alles nichts nützen, wenn wir nicht anfangen, die kindliche Freude am Leben zu schützen.
4 Dieser Begriff hat zwei Bedeutungen. Die gegenwärtig ziemlich präsente, durch die politischen Verhältnisse geprägte Bedeutung ist die des Angriffs. Die zweite Bedeutung, die im psychoanalytischen Umfeld eher zum Tragen kommt, ist die des „Zugehens auf ...“, im Gegensatz zum Rückzug oder zur „Flucht vor ...“.
5 Ein solcher Rahmen kann zum Beispiel die „Dynamische Meditation“ von Osho sein.
6 Diese Praxis richtet sich an die Zielgruppe der Intersein Zeitschrift. Ich möchte Personen mit psychischen Schwierigkeiten unbedingt empfehlen, sich in Therapie bei gut ausgebildeten Therapeuten zu begeben. Leider sind diese dünn gesät. Ich habe eine sehr hohe Meinung über die Fähigkeiten der Therapeuten in den Heiligenfeld-Kliniken. Auch wenn ein Klinik-Aufenthalt nicht in Frage kommt, besteht zumindest die Chance, durch eine Anfrage eine/n gut ausgebildeten Therapeuten/in in Eurer Nähe zu finden. Werdet aktiv oder bittet Personen in Eurem Umfeld, eine solche Person ausfindig zu machen.