Rechts von Links ist nicht die Mitte

Samstag, 09.05.2026

Mirko

Vor kurzem hat ein Youtuber getan, was man nicht tun darf: Er hat einfach mit Bernd Höcke geredet. Und alle können sich das ansehen. Ich gestehe: Ich hab‘s getan. Ich habe mir das angesehen. Ein konservativer Kolumnist hat es auch getan. Und so geschieht es zum ersten Mal, dass ich mit ihm einer Meinung bin.

Der Kolumnist ist Hendrik Wieduwilt, der auf n-tv das konservative Aushängeschild unter angeblich lauter linksliberalen und „links-grün-versifften“ Meinungsbildnern spielt. Der hört sich die ersten zwei Stunden mit Höcke an, und fragt sich, was so schlimm sein soll, an diesem Bernd Höcke. Und fragt sich im gleichen Atemzug: „Vielleicht war ich ja selbst inzwischen rechtsextrem?“:

Den Verdacht hatte ich längst, denn ich sorge mich seit Jahren um die Meinungsfreiheit. Wer das macht, ist schon einmal Rechtspopulist, das hat kürzlich der "Spiegel" mit Blick auf Wolfgang Kubicki blitzsauber hergeleitet.

Die zweite Hälfte des Gesprächs auf Ben Ungescripted enthält dann gottseidank doch ein paar schwachsinnige Sprüche von Herrn Höcke, sodass ich im Einklang mit Herrn Wieduwilt sagen kann: Der hat mich als Zuhörer verloren. Bei ganz banalen Themen, wie der Kulturloyalität, die wir laut Höcke zeigen können, wenn wir deutsche Restaurants besuchen. Welcher Kultur man hier die Loyalität zeigt, verbleibt im Nebel der Phrasen.

Ehrlich: Ich kann nach 67 Jahren Aufenthalt in diesem schönen Land nicht benennen, was das besondere an Deutschland sein soll, das die breite Masse der Biodeutschen tatsächlich verstehen würde. Das klingt arrogant, ist aber meine Lebensrealität.

Das finde ich schade, denn da ist etwas versäumt worden. Dieses Bildungsdefizit bekommen wir mit dem Besuch von deutschen Restaurants nicht repariert. Und es entstand auch nicht durch zu viel Migration, sondern durch eine grottenschlechte Bildungspolitik der angeblich „politischen Mitte“ über Jahrzehnte hinweg.

Die Mitte im politischen Spektrum

So können wir also zur Tagesroutine zurückkehren, der Herr Wieduwilt als konservatives Aushängeschild, und ich als lästernder Blogger. Wenn da nicht ein loses Ende wäre, das mich weiterhin beschäftigt, und das wäre das Wörtchen rechtsextrem.

Das suggeriert ebenso wie linksextrem, dass es ein Spektrum von gaaaanz rechts bis gaaanz links gibt (hoffentlich mit der richtigen Anzahl von aaaas), in dem jeder für sich die Position der Mitte beansprucht. Die „Omas gegen Rechts“ beanspruchen natürlich einen Platz im linken Bereich des Spektrums, sonst könnten sie nicht gegen rechts sein, was auch immer das bedeutet. Und diejenigen, die gegen die „links-grün-versifften“ Meinungen aufstehen, sehen sich natürlich eher im rechten Bereich, aber alle immer im Bereich der Mitte, denn keiner will „extrem“ sein.

Was zeichnet die Nazis aus?

Und so werden die Richtungsbegriffe verwendet, ohne dass sich jemand die Mühe macht, zu verstehen, was sie eigentlich bedeuten. Wir wissen nur, dass ganz rechts die „Nazis“ stehen, also Leute, die irgendwelche Meinungen gemeinsam mit den Nationalsozialisten der 1920er Jahre bis 1945 haben1. Das sind die Leute, die schon einmal Krieg gegen Russland geführt haben mit 27 Millionen Toten allein in der Sowjetunion, und deren Fans heute sagen:

Wir führen einen Krieg gegen Russland

und

Wir werden Russland ruinieren!

Oder... warte mal... Entschuldigung, das sind gar nicht Aussagen der Nazis, das ist das Credo der „feministischen Außenpolitik“ der ehemaligen grünen Außenministerin, die jetzt übrigens die Segnungen des Feminismus in die Vereinten Nationen trägt, weil dort schon lang mal eine Frau den Vorsitz übernehmen müsste.

Also die Nazis heute, das sind Populisten, die von einer deutschen Leitkultur schwafeln. Oder... Moment mal... Entschuldigung, das war unser Bundeskanzler, und weil der jetzt ein so wichtiges Amt bekleidet, nehme ich das Wort „schwafeln“ natürlich wieder zurück, damit ich nicht wegen Majestätsbeleidigung nach §188 StGB angeklagt werde.

Nein, also: die Nazis sind Populisten, die Lügen verbreiten, sowas wie:

Die Ukraine ernährt 70 Milliarden Menschen

OK, ich gib‘s auf. Auch das waren nicht die Nazis, sondern eine etwas verwirrte Politikerin der FDP.2

Dann gibt es da noch ein paar Deppen bei der AfD, die sagen, dass die deutsche Staatsbürgerschaft zu leichtfertig vergeben worden ist, und dass das jetzt ein kulturelles Problem in Deutschland ist. Ich bin froh, dass ich meine Staatsbürgerschaft schon seit den 90er Jahren habe, sonst müsste ich fürchten, sie bei all den Merzen und Höckes nicht mehr zu bekommen.

Also von den Leuten, die zwar von der deutschen Kultur schwafeln, aber vor Anhängern, die davon null komma null Ahnung haben. Hätten sie Ahnung davon, würden sie nicht auf das Geschwafel reinfallen und dann würden weder der Herr Merz noch der Herr Höcke gewählt.

Aber bei so viel Denkvermögen in der Bevölkerung hätte es auch eine Annalena Baerbock nie an die Spitze der Grünen geschafft, das sollte fairerweise gesagt werden.

Wie war das nochmal mit Links und Rechts?

Die Geschichte mit Links und Rechts könnt ihr googeln. Es ist die Sitzordnung des Parlaments, wo diejenigen, die für die Rechte der Arbeiter einstanden, auf der linken Seite saßen. Der Rest des Parlaments saß rechts und hielt von der Idee, die Arbeiter an den politischen Entscheidungen teilhaben zu lassen, überhaupt nichts.

Es gab genau zwei Kräfte in der Politik: Die Progressiven und die Konservativen, gerne auch Reaktionäre genannt. Die Progressiven haben sich selbst so genannt, weil sie – in Anlehnung an Karl Marx – glaubten, dass die Entwicklung der Produktivkräfte zwangsläufig dazu führen werde, dass diejenigen, auf deren Rücken die Wertschöpfung in der Gesellschaft stattfand, also: die Arbeiter, dass die in der Gesellschaft das Sagen haben werden. Das ist, wenn Ihr so wollt, die Idee der Demokratie: Das ganze Volk nimmt an den Entscheidungen teil.

Die Konservativen waren diejenigen, die fanden, dass das politische Geschick des Landes von den Eliten bestimmt werden sollte. Das durchschnittliche Volk befanden sie für zu ungebildet und daher ungeeignet, um an politischen Entscheidungsprozessen teilzuhaben.

Der Begriff reaktionär ist ein Kampfbegriff, der die Tatsache beschreibt, dass die politisch Konservativen nicht nur konservative Meinungen hatten, sondern aktiv die Entwicklung zur Demokratie behinderten.

Die Mitte ist eine Illusion

Wer sich also heute konservativ nennt, sollte wissen, dass er sich am rechten Ende der Gesellschaft befindet. Diejenigen, die es eher mit den progressiven Ideen halten, befinden sich am linken Ende der Gesellschaft. Und die Mitte? Die Mitte ist eine Illusion.

Die Mitte ist ein Konstrukt der politischen Ideologiebildung, die von den konservativen und neoliberalen Kreisen betrieben wird, damit die Menschen unsere Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung für die beste aller denkbaren Möglichkeiten halten.

Die Illusion der Mitte fixiert die politischen Verhältnisse so, dass die Machtverteilung unverändert bleibt. Und das ist nicht gut für den Großteil der Bevölkerung, die jetzt auch noch applaudiert, wenn ihr die Rente gekürzt und der Zahnersatz gestrichen wird.

Die Illusion der Mitte kastriert die Idee der Demokratie zu etwas, was die politische Kaste unseres Landes mit Recht und Fug unsere Demokratie nennt. Wehe, wenn Ihr es wagt, an dieser Ordnung zu rütteln!

 

1 Danach hörte das schlagartig auf. Man konnte nach 1945 niemanden in Deutschland mehr finden, der Meinungen mit den Nationalsozialisten gemein hatte. Vor allem in Kreisen der Union fanden sich ausschließlich lupenreine Demokraten, die die „Mitte der Gesellschaft“ kreierten.

2 Wer hier eine gewisse Ähnlichkeit dieser Darstellung mit Hagen Rethers Drecks-Nordkoreanern findet, darf sie behalten...