Maßnahmen gegen die wachsende Ungleichheit
Dienstag, 02.06.2026
Es gibt immer wieder Diskussionen, die sich um das Thema drehen, ob eine Verbesserung der Welt im Rahmen des Kapitalismus möglich ist. Gegenwärtig kommt die Diskussion wieder auf, weil Bekannte ein Buch gelesen haben, das es durchaus in sich hat. Das Buch beschreibt jede Menge Probleme, versucht dann aber, eine positive Aussicht auf eine Lösung dieser Probleme innerhalb des Kapitalismus zu schaffen. Aber da habe ich leider schlechte Nachrichten.
Es handelt sich um das Buch „Schockierende Ungleichheit“ von Wolfgang Detel. Wenn Ihr mal sauber recherchierte Daten über die Verteilung des Vermögens auf der Welt, in Europa und in Deutschland sucht, dann ist das Buch zu empfehlen. Das Buch hat allerdings einen Untertitel: „Warum Ultra-Reichtum unsere Demokratie bedroht und welche Maßnahmen wir dagegen ergreifen sollten“.
Der Autor ist Philosoph, der müsste also schon mal Antworten auf die Fragen liefern, was genau „unsere“ Demokratie ist und wer das „wir“ ist, das die Maßnahmen ergreifen soll. Die schlechte Nachricht kommt also gleich zu Beginn dieses Beitrags: Das politische System, in dem wir leben, ist nicht unsere Demokratie. Es ist das politische System derjenigen, die ihr eingesetztes Kapital schützen wollen. Ja, wir leben in einem Rechtsstaat, aber Rechtssicherheit als wesentlicher Bestandteil eines Rechtsstaats gibt es nur für die Besitzenden, also für diejenigen, die sich ein Team an Rechtsanwälten leisten können. Die Rechtssicherheit für alle anderen ist relativ unsicher.
Es gibt Leute, die nun mit Vergleichen mit anderen Ländern kontern. Es stimmt: relativ gesehen ist es in Deutschland besser als in vielen anderen Staaten, denn hier können auch normale Bürger das Rechtssystem in Anspruch nehmen. Das hat allerdings Grenzen, auf die wir in weiteren Beiträgen noch zu sprechen kommen müssten.
Der Kern des Kapitalismus
Aber ich schweife ab. Wir waren beim Kapitalismus. Da kann ich die Kurzformel ausgeben: Der Kapitalismus erzeugt Probleme, die im Rahmen des Kapitalismus nicht lösbar sind.
Das wollt Ihr sicherlich genauer wissen. Das mache ich gerne, aber ich könnte es nicht so gut, wie es der Kabarettist Volker Pispers auf den Punkt gebracht hat. Hier findet sich eine Kurzform von ca. 15 Minuten, aber es geht auch ausführlicher (ca. 45 Minuten, die erste Hälfte des Videos).
Wer jetzt partout nicht auf Youtube wechseln will, dem versuche ich hier eine möglichst kurze Erklärung zu geben1.
Es gibt zwei Geldkreisläufe in unserer Wirtschaft: W-G-W und G-W-G2. Dabei steht W für Ware und G für Geld. W-G-W ist schnell erklärt: Menschen tragen Ihre Arbeitskraft (auch ihre mentale) zum Markt, der deswegen auch Arbeitsmarkt genannt wird. Dafür bekommen sie Geld. Von dem Geld können sich die Menschen die Gegenstände des täglichen Lebens kaufen.
Hierbei ist eins zu beachten: Jede Stunde Arbeit, die an der Realisierung eines Produkts verbracht wird, erhöht den Tauschwert der produzierten Ware. Genauer gesagt ist es die gesellschaftlich durchschnittliche Anzahl der Arbeitsstunden, die zur Produktion einer Ware in sämtlichen dafür notwendigen Arbeitsschritten aufgewendet werden muss, an der sich der Tauschwert festmacht.
Wenn man nun den arbeitenden Menschen im Schnitt weniger zahlt, als sie der produzierten Ware an Wert zusetzen, dann wird Mehrwert produziert.
Und hier kommt der zweite Kreislauf ins Spiel: G-W-G. Kapitalisten setzen Kapital ein. Dieses Kapital soll sich vermehren. Der Grundmechanismus, der sich in der Praxis beliebig verkomplizieren lässt, sieht so aus, dass für das eingesetzte Kapital Waren gekauft werden: Produktionsmittel und Arbeitskraft. Damit werden neue Waren produziert, die nach dem Veräußern wieder Geld bringen. Und dieses Geld aus der Veräußerung der Waren muss mehr sein, als das eingesetzte, sonst setzt der Kapitalist das Geld einfach woanders ein.
Das will richtig verstanden werden. Wenn zum Beispiel gewisse Dinge nötig sind, sagen wir: Antibiotika für Kinder, dann können diese Dinge nicht einfach produziert werden. Sie werden nur dann produziert, wenn die Aussicht besteht, dass am Ende des Produktionsprozesses mehr Geld eingefahren worden ist, als man vorher eingesetzt hat.
Kapitalanlagen
So einfach, wie im G-W-G-Kreislauf dargestellt, funktioniert der Kapitalismus aber schon lange nicht mehr. Um Produktionsanlagen zu beschaffen, braucht es sehr viel Geld, weshalb die Last der Ausgaben auf viele Schultern verteilt wird. Der im 19. und 20. Jahrhundert gängige Mechanismus war die Ausgabe von Aktien2b. Wer immer Geld einsetzen wollte, kaufte sich Aktien von Firmen, die erfolgversprechend erschienen. Diese Aktien warfen jährlich einen gewissen Anteil des Gewinns der Firma ab, die sogenannte Dividende. Je besser die Aussichten auf eine Dividende, umso teurer wurden die Aktien gehandelt. Wer also Geld einsetzen wollte, musste sich nicht Produktionsanlagen kaufen und Waren produzieren, er musste einfach nur Aktien kaufen.
Ihr könnt Euch vorstellen, dass damit ein gewisses Risiko verbunden war. Aber darüber müssen wir an dieser Stelle nicht nachdenken. Nachdenken müssen wir über folgendes:
Wer Aktien oder sonstige Produkte des Finanzmarkts kauft, erwartet sich einen Gewinn. Bei den Leuten, die sehr viel Geld haben – und die Ultrareichen haben sehr viel Geld – wird der erwirtschaftete Gewinn wieder reinvestiert. Und daraus ergibt sich, dass das eingesetzte Kapital immer größer wird. Und wenn das eingesetzte Kapital dauerhaft bestimmte Gewinnmargen abwirft, dann ergibt sich daraus eine Exponentialfunktion.
Kapitalertrag
Super, dass ich neulich die Exponentialfunktion erklärt habe. Dann muss ich das hier nicht nochmal tun. Aber der wesentliche Punkt lässt sich mit der Zinsrechnung sehr gut darstellen: Kapitalanlagen, die 5% des eingesetzten Werts als Ertrag erwirtschaften, erhöhen sich um diese 5% im Jahr. Hat man 1.000 € eingesetzt, so erhöht sich das Kapital auf 1.050 € und im zweiten Jahr wird der Ertrag aus diesen 1.050 € berechnet. Das Phänomen nennt sich auch Zinseszins. Will man wissen, wie viel Kapital man nach 10 Jahren hat, kann man die Formel nutzen:
1000 * 1,05t
wobei t die Anzahl der Jahre ist. Eine Verzinsung von 5% erhöht also 1.000 € Kapital in 10 Jahren auf 1.629 €. Nicht schlecht, oder? Stell Dir vor, Du hättest als Multimilliardär eine Deiner Milliarden für Anlagen eingesetzt, die 5% Ertrag abwerfen. Dann hättest Du in 10 Jahren 629 Millionen € verdient. Davon kann man ein paar mal gut Essen gehen.
Das Problem mit dem Wachstum
Vor lauter Staunen über diesen guten Ertrag hätten wir beinahe vergessen, dass es damit noch irgendein Problem geben soll. Das Problem ist schlichtweg: Alles Kapital, das weltweit eingesetzt wird, muss sich im Schnitt permanent vermehren. Das ist das sogenannte Wachstumsparadigma.
Wobei der Begriff Paradigma hier irreführend ist. Paradigma bezeichnet eine bestimmte Art zu denken, eine Ideologie oder Weltanschauung. Das ist es aber nicht.
Es ist ein Gesetz, ähnlich dem Assoziativgesetz der Mathematik3. Man kann nicht einfach anfangen, anders zu denken. Was statt dessen passieren muss, ist, dass die Welt so organisiert werden muss, dass der Kreislauf G-W-G nicht mehr möglich, bzw. nicht mehr notwendig ist. Und das ist das Ende des Kapitalismus. Nur dann wird ein Schuh daraus.
Konzepte oder Sonntagsreden?
Der Autor des Buches, Wolfgang Detel, beschreibt nun Gedanken verschiedener anderer Autoren zur Verbesserung der Situation der Ungleichheit und der Probleme, die daraus resultieren. Lass uns einmal einen kurzen Blick in die Ausführungen werfen, in dem Fall von dem Autoren Joseph E. Stiglitz:
Stiglitz versteht den progressiven Kapitalismus, den er beschreibt und empfiehlt, als ein gutes Gleichgewicht zwischen Markt und Staat [...]
Man könnte ein eigenes Buch schreiben über das Konzept des Staates, der den Kapitalismus reguliert. Das Konzept funktioniert nicht. Hierfür gibt es Beispiele: Zum Beispiel hat der Staatskapitalismus der Ostblockländer trotz des übermächtigen Staates nicht ein einziges der Probleme des Kapitalismus zu lösen geholfen. Fragen Sie mal die Anwohner von Industriestandorten in der DDR über den Dreck, der dort in der Umwelt gelandet ist.
Die Grundlage des progressiven Kapitalismus besteht darin, dass die Gewinne einiger gegen die Verluste anderer abgewogen und zum Ausgleich gebracht werden.
Für dieses Konzept gab es früher mal den Begriff Sozialdemokratie, bevor daraus eine Form des Neoliberalismus entstand. Stiglitz formuliert dann drei Prinzipien, die wir uns hier sparen, um zu sehen, wie er mit diesem Satz fortsetzt:
Diese drei Prinzipien führen zu einer internationalen Ordnung, in der Macht weniger und der Mensch mehr zählt und in der nicht die Gesellschaft und Politik der Wirtschaft dient, sondern die Wirtschaft der Gesellschaft und Politik.
So etwas nennt man in unseren Kreisen eine Sonntagsrede. Wir sagen den Großanlegern mal, dass wir da ganz tolle Ideen zur Gestaltung einer besseren Welt haben. Die werden da doch sicher mitmachen, oder?
Der Realitätsvorbehalt
Ab und an muss das auch jemand dem Wolfgang Detel erzählt haben, denn er spricht in einem Vortrag über die Zweifel an den von ihm vorgestellten Konzepten. Und da führt er einen Begriff ein, der mir neu war und der seither bei uns zum geflügelten Wort wurde: Realitätsvorbehalt (oder, laut Detel: Realisierungsvorbehalt) bezeichnet das Phänomen, dass man visionäre Gedanken beiseite wischt, mit dem Hinweis, dass sie nicht realisierbar seien. Ehrlich: Das ist nicht meine Absicht. Aber das ist hier nicht der wesentliche Punkt.
Wachstum passiert, wenn alles kaputtgeht
Der wesentliche Punkt ist, dass wir verstehen müssen, was der Kapitalismus eigentlich ist. Und das haben wir im Kern mit dem Kreislauf G-W-G beschrieben. Der hat ein Problem und das ist der Zwang zum exponentiellen Wachstum der Wirtschaft. Ich sage also nicht: Die Konzepte funktionieren nicht, weil sie nicht umsetzbar sind, ich sage: Die Konzepte funktionieren nicht, weil sie nicht die Ursache des Problems angehen.4
Als 1982 ein großes Hagelunwetter eine Menge Schaden an Autos anrichtete, machte sich dies durch eine kleine Erhöhung des Wirtschaftswachstums bemerkbar. Da könnt Ihr jetzt Eure geballte Vorstellungskraft einsetzen, um Euch auszumalen, was das in der Konsequenz bedeutet: Je größer der Schaden ist, umso mehr kurbelt das die Wirtschaft an. Und umso mehr lohnen sich die Investitionen der großen Anleger.
Ist das nicht der schiere Wahnsinn? Dann machen wir doch gleich alles kaputt, dann haben wir maximale Wachstumschancen. Aber Moment mal... passiert nicht genau das immer wieder?
Wenn Ihr eine Erklärung dafür sucht, warum die zahlreichen Kriege auf diesem Planeten kein Ende finden: Hier habt Ihr sie.
Update 26.06.2026: Ich werde in regelmäßigen Abständen angesprochen auf die Aussage von Warren Buffet, dass sich die Reichen im Krieg gegen die Armen befinden und ihn gewinnen. Ich habe das Zitat in diesem Beitrag erwähnt, in dem es ebenfalls um meinen Eindruck geht, dass der Kapitalismus nicht reformierbar ist.
Das Problem an dem dort verwendeten Link ist, dass der Beitrag nicht zu sehen ist, weil er hinter einer Paywall liegt. Das Zitat findet sich im sichtbaren Teaser-Bereich des Artikels und ist so ziemlich das einzige, was man davon sieht.
Warren Buffet hat das aber nicht nur einmal gesagt, er hat diesen Satz bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholt. Dieses Interview bei CNN enthät das Zitat ebenfalls:
It's class warfare, my class is winning, but they shouldn't be.
Im Interview bekommt man auch einen Eindruck seiner Ideen, wie der strukturellen Ungerechtigkeit in den USA beizukommen wäre. Ob die Ideen etwas taugen, könnt Ihr für Euch selbst bestimmen. Tatsache ist, dass die politische Realität in den USA aber auch bei uns eher in die entgegengesetzte Richtung geht.
Das Problem wurzelt allerdings exakt in dem Geschäftsmodell der Finanzindustrie, mit dem Warren Buffet so reich geworden ist und das als Folge hat, dass sich die Wirtschaftsleistung laufend erhöhen muss.
Warum sollen diejenigen, die das Problem verursachen, mit ihren Steuern die schlimmsten Folgen abfedern, wenn man sich eine Welt vorstellen könnte, in der das Problem gar nicht auftritt.
1 Kurze Erklärungen werden durch ihre Kürze manchmal etwas ungenau. Um das zu vermeiden, müsste ich das Thema breiter ausrollen. Wer es ganz genau wissen will, dem empfehle ich die drei Bände des „Kapital“ von Karl Marx. Die findet Ihr im Internet kostenlos.
2 Die Beschreibung der beiden Geldkreisläufe durch Marx findet Ihr unter anderem hier. Ist wirklich nicht schwer zu lesen und zu verstehen.
2b Aktien sind natürlich auch heute noch eine gebräuchliche Anlageform. Darüber hinaus bietet der Finanzmarkt so genannte Derivate an, das sind letztlich Wetten auf die Entwicklung bestimmter Finanzwerte. Große Anleger – also die Kapitalisten im eigentlichen Sinn – verwalten ihr Vermögen heute jedoch nicht selbst, sondern beauftragen Vermögensverwaltungen (Asset Management) mit dieser Aufgabe. Die fünf größten Vermögensverwalter sind:
Blackrock, 10 Bill.
Vanguard, 8,6 Bill.
Fidelity Investments, 4,6 Bill.
State Street Global, 4,1 Bill.
J.P. Morgan Chase, 3,4 Bill.
Die fünf größten Vermögensverwalter setzen also etwa 24 Billionen Dollar in Anlagen ein. Schätzungen ergeben, dass die Erwartung an den Ertrag etwa 9% jährlich beträgt (das ist gegenwärtig der Schnitt bei sehr großen Vermögen). Hierbei sind die Misserfolge bereits eingepreist – nicht jede Investition bringt das erwünschte Ergebnis. Diese massive Zunahme des Geldes im Kapitalmarkt stellt ein großes Problem dar. Bei derselben Wachstumsrate würde dieses Kapital in fünf Jahren auf 37 Bill. $ anwachsen, in 10 Jahren gar auf 57 Bill. $. Um diese Werte jemals in kaufbaren Waren zu repräsentieren, müsste auch die Wirtschaft in ähnlichen Größenordnungen wachsen.
3 Das Assoziativgesetz beschreibt, dass (a + b) + c = a + (b + c). Wäre das nicht so, würde der Betrag einer Rechnung von der Reihenfolge der Rechnungsposten abhängen. Das ist denkbar, aber ziemlich unpraktisch... Was das Wachstumsgesetz anbetrifft, müssen wir in Betracht ziehen, dass es viele unterschiedliche Folgen hat, wie zum Beispiel die Vermüllung unseres Planeten, die Vergiftung unserer Atmosphäre, die Bodenerosion, etc. Diese Probleme lassen sich innerhalb des Kapitalismus nicht ändern, weil man nicht einfach sagen kann: Verringern wir doch die Produktion von Plastik jedes Jahr um 5%. Das Unterfangen, Geld einzusetzen, und dieses „arbeiten zu lassen“ ist das eigentliche Problem. Es steht der Lösung diametral entgegen.
4 Das ist vielleicht ein wenig ungerecht, weil ich selbst auch nur das Problem schildere, aber keine Idee zum Besten gebe, wie man es lösen könnte. Wolfgang Detel hat sich zumindest mal mit ein paar Konzepten herausgetraut. Es ist aber extrem schwierig, praktische Vorschläge zu unterbreiten. Warum? Das möchte ich kurz skizzieren.
Die Ultrareichen haben die Macht. Und sie werden die Macht nicht freiwillig hergeben. Es sieht so aus, als ob die Menschen die Ultrareichen mit Mistgabeln in eine Rakete von Elon Musk stecken müssten, damit sie endlich den Mars bevölkern. Aber was dann? Marx und Engels haben das Problem gesehen, das sich ergibt, wenn man einfach so von heute auf morgen eine Revolution anzettelt.
Ihre berechtigte Befürchtung war, dass die Menschen nicht emanzipiert genug sind, um die Verantwortung für ihre Geschicke zu übernehmen. Dass hier ein „starker Staat“ einspringt, der das für sie übernimmt, war aus der Sicht von Marx und Engels wohl die schlechteste Lösung. Das steht im Gegensatz zu den Konzepten, die die Linken seit Lenin mit dem Begriff der Revolution verbinden.
Was die „Emanzipation“ der Arbeiterschaft anbetrifft, haben Marx und Engels sich mit Fragen der Ideologie beschäftigt:
Wie kommt es, dass Menschen nicht das denken, was rational wäre, sondern irgendwelchen patriotischen oder religiösen Ideen folgen, die gegen ihre eigenen Interessen sind?
Heute haben wir die Psychologie, die solche Fragen erforschen kann. Zumindest Marx hat das Aufkeimen der Psychologie als Wissenschaft nicht mehr mitbekommen.
Bei Engels lässt sich sicher die eine oder andere Stelle finden, die zeigen könnte, dass er dem Problem auf der Spur war. Aber auch er war aus Mangel an Lebenszeit nicht mehr in der Lage, aus den zentralen Fragestellungen der Psychoanalyse die entscheidenden Schlüsse zu ziehen:
Wie kann es sein, dass Menschen Dinge tun, die sie selbst als zutiefst irrational betrachten?
Das ähnelt doch ziemlich der Frage der Ideologie. Die Psychoanalyse konnte Erklärungen für diese Phänomene des irrationalen Handelns liefern.
Wenn man diese Erklärungen mit den Konzepten des Marxismus verbindet, wie es Wilhelm Reich versucht hat, dann ergibt sich folgendes Bild: Die Gesellschaft schafft bestimmte Rahmenbedingungen, unter denen Menschen leben und aufwachsen. Diese Rahmenbedingungen prägen die Menschen bereits bis zu einem Alter von etwa vier Jahren. Erst viele Jahre später, im Erwachsenenalter, kommen diese Prägungen zum Tragen.
Kinder wachsen in neurotischen Strukturen auf und bauen auf irrationalen Konzepten ihr Weltbild auf. Wenn sie erwachsen sind, geben sie diese irrationalen Konzepte an ihren Nachwuchs weiter, wenn nicht irgendwelche Dinge geschehen, die sie noch einmal zur Änderung ihrer Konzepte bewegen. Zu diesen Dingen gehört zum Beispiel eine Therapie. Aber das ist eine Vorgehensweise, die man nicht einfach einer gesamten Gesellschaft verordnen könnte. Außerdem: Woher sollte man die dafür nötigen Massen an nicht neurotischen Therapeuten nehmen?
Dennoch gab es ein paar Bewegungen, die die Hoffnung schürten, dass es eine wachsende Anzahl an Menschen gibt, die in der Lage wären, eine freie Gesellschaft zu gestalten. Diese Hoffnung ist in den letzten Jahren ziemlich geschwunden. Es sieht so aus, als hätte jemand verstanden, dass es eine Obergrenze an durchschnittlicher Intelligenz gibt, die nicht überschritten werden darf, wenn die gegenwärtigen Machtverhältnisse erhalten bleiben sollen. Und genau dafür, dass diese Obergrenze nicht überschritten wird, dafür wird gesorgt.
Daher bin ich tatsächlich ratlos, wenn mich jemand fragt, was ich denn tun würde, um die Situation zu verbessern. Ich weiß leider nur, wie es nicht geht.