Die Panik vor den überflüssigen Menschen
Sonntag, 02.08.2026
Plötzlich kennt jeder die Enklave Ceuta, ein kleines Gebiet in Nordafrika, das zu Spanien gehört. Dort taucht innerhalb weniger Tage eine große Menge Migranten auf, man spricht von 60.000 Menschen. Alle nehmen denselben Weg dorthin. Tags darauf ist der Spuk zu Ende und die geballte Dummheit Europas macht sich an die Ausschlachtung des Geschehens.
Die Bilder sagen alles: Es geht die Angst um in Europa, dass... nein, nicht dass der Atomkrieg beginnen könnte, sondern dass Menschen kommen. Junge Menschen, die in einer Welt leben, die keine Verwendung für sie hat. Die Bilder drücken die Panik aus, die in der Bevölkerung ausgelöst werden soll, angesichts einer Schwemme solcher Menschen, die „ein besseres Leben“ suchen.
Der Herr Kubicki bringt die Panik auf den Punkt:
Es ist bedenklich, dass an einem Tag so viele Menschen an einem Tag die Grenzen überwinden können. Das kann sich jederzeit an jeder Stelle der europäischen Außengrenze wiederholen.1
Die spanische Regierung wird gedrängt, etwas zu unternehmen, ja von einem Ausschluss aus dem Schengen-Raum ist die Rede. Angeblich hat der Herr Sanchez in Spanien das Unmögliche getan: Er hat einigen illegal ins Land gekommenen Migranten die Staatsbürgerschaft angeboten. Herrn Kubickis einzige Sorge ist nun, dass diese Leute auch zu uns kommen könnten:
Wir müssen vielleicht wieder etwas mehr interessengeleitete Politik betreiben, und weniger wertorientiert an die Sache herangehen2
Schöner hätte ich es nicht sagen können, um die Haltung des Herrn Kubicki zu beschreiben. Ihr könnt Euch überlegen, ob ihr von solchen Leuten regiert werden wollt, oder nicht.
Aber bevor Ihr mich jetzt des Gegenteils bezichtigt, dass ich alle aufnehmen will, die ins Land kommen wollen, solltet Ihr diesen Beitrag erst einmal weiterlesen.
Warum kommen die auf einmal alle?
Warum kommen die plötzlich alle an einem Tag in Ceuta an? Als Erklärung dient zunächst einmal ein Gerichtsurteil in Spanien:
Es verbot das Zurücktreiben – „Pushbacks“ oder auch „heiße Rückführungen“ genannt – von Migranten im Meer, die Land suchen.
Man braucht von Marokko aus schwimmend etwa vier Stunden, um Ceuta zu erreichen. Ich nehme einmal an, dass mit „Pushback“ nicht das Zurücktreiben ins Meer gemeint ist, sondern die sofortige Ausweisung der Menschen auf dem Landweg. Aber in der heutigen Zeit weiß man nicht so genau: Den konservativen bis braunblauen Politikdarstellern, die jetzt von Deutschland aus das Geschehen kommentieren, ist zuzutrauen, dass sie die Leute einfach auf dem Meer verrecken lassen würden.
Eine offiziell abgesegnete Verschwörungstheorie
Kann das Urteil vom 8. Juli die Ursache für einen solchen Ansturm sein? In dem Sinn, dass das Urteil einen „Anreiz“ für Menschen böte, es doch einmal mit der Flucht zu versuchen? Und dann warten alle bis auf ein paar Ungeduldige bis zum 31. Juli, an dem sich 60.000 Menschen auf den Weg machen?
Das Ganze wirkt wie ein Flashmob. Irgendjemand hat den Leuten gesagt, dass sie gerade an diesem Tag nach Ceuta müssen. Das geht so weit, dass wir Verschwörungstheorien in der Presse lesen:
Das geht natürlich nicht, ohne einen Experten zu Rate zu ziehen, in diesem Fall einen gewissen Joachim Weber von der Universität Bonn. Ich weiß nicht, was die an der Universität Bonn lehren, aber logisches Denken scheint nicht auf dem Lehrplan zu stehen.
Der Herr Sanchez ist nicht ganz so dumm, wie ihn der Herr Kubicki darstellen will. Diplomatisch schiebt er die Schuld auf kriminellen Schleuserbanden, die angeblich diesen Ansturm ausgelöst haben, und lässt Marokko oder sonstige staatliche Akteure außen vor.
Hier passt nichts zusammen
Also: Wir haben hier ein paar Schuldige, die in der Diskussion stehen:
Das Gericht und sein Urteil
Marokko und sein Rachemotiv bezüglich Algerien
Die Schleuser
Keine dieser Erklärungen ist wirklich befriedigend, vor allem, weil der zeitliche Verlauf nicht passt. Das Gerichtsurteil ist zu lange her, die Schleuser, die sich auf das Urteil berufen könnten, hätten ebenfalls im Sinne Ihres Profits so schnell wie möglich mit dem Schleusen beginnen können, wobei die Flüchtlinge ja nicht geschleust wurden, sondern selbst geschwommen sind.
Marokko mag durch seine Passivität bei der Bewachung der Grenze die Lage unterstützt haben, aber es fehlt das aktive Moment: Wer hat den Menschen gesagt, dass sie gerade an diesem Wochenende nach Ceuta gehen sollen? Wir werden es wahrscheinlich nie erfahren. Aber ich kann ein paar Merkmale nennen, die nach meinem Dafürhalten notwendig sind, um eine solche Bewegung auszulösen:
Ein Geheimdienst, der in der Lage ist, Gerüchte zu streuen und massiv zu verbreiten,
Eine politische Führung, die Spanien nicht wohlgesonnen ist und dem Herrn Sanchez schon länger eine Abreibung verabreichen will,
Eine politische Führung, die den Auftrieb rechtspopulistischer Strömungen in Europa unterstützen will.
Das Ganze war ein Flashmob, und die meisten der Ankömmlinge sind stante pede – besser: gehenden Fußes – wieder nach Marokko zurückgekehrt. Man könnte von einem gelungenen Symbolakt sprechen, wenn dabei nicht 67 Menschen (Stand 02.08.) ums Leben gekommen wären.
Aber was zählt das schon? Wir leben in einer Welt, in der diese Menschen sowieso überflüssig waren.
