Der Krieg stockt, die Einfältigkeit siegt

Samstag, 25.07.2026

Mirko

Der Krieg in der Ukraine eskaliert immer weiter. Falls sich jemand gefragt hat, ob es da Steigerungsmöglichkeiten gibt, der sollte mittlerweile klare Antworten auf die Frage haben. Derweilen stellt sich die Frage nach dem Aufwachen vor dem Desaster.

Worum es wirklich geht

Ich weiß nicht, was sich die Militärstrategen in Russland gedacht haben, als sie in die Ukraine einmarschiert sind. Möglicherweise zu wenig. Denn die Ukraine hat 8 Jahre Zeit gehabt, sich auf diese Situation vorzubereiten. Besser gesagt: Sie wurde von den beteiligten Parteien darauf vorbereitet. Haben sich die russischen Militaristen tatsächlich gedacht, sie marschieren in die Ukraine mit einer Art Schlieffen-Plan ein, besetzen Kiew und geben Kiew in den darauf folgenden Verhandlungen wieder frei, nachdem sie die Ostgebiete um Donezk und Luhansk als Preis dafür erhalten haben?

War das der Plan? Nun... niemand wird besser wissen, als die Machthaber in Russland, dass das ein schlechter Plan war. Der Überfall stockte in einem Stellungskrieg, den keine Partei für sich entscheiden kann. Und nun geht‘s zu wie bei Dick und Doof. Bitte seht Euch das Video an, bevor Ihr weiterlest.

Die Ukraine schickt weitreichende Raketen? Kein Problem: Die Russen schicken Raketen nach Kiew. Die Ukraine setzt Raffinerien in Brand? Kein Problem, Kraftwerke in der Ukraine brennen auch gut. Die Ukraine wehrt sich tapfer und schickt Drohnen gegen Versandhäuser los? Kein Problem, die Ukraine hat auch Versandhäuser. Die Häfen gehen kaputt, die Handelsschiffe brennen: Viele applaudieren und jeder hat was davon. Und die deutschen Politiker stellen sich hin und wollen noch mehr davon.

Und keiner scheint sich die Frage zu stellen, wo das enden soll.

Ihr wollt Frieden? Das wird teuer!

Die Sehnsucht nach Frieden erstarrt zu einem Symbol, das Emotionen wecken soll, eine Stimmung, die dazu beiträgt, dass Leute es gut finden, wenn wieder einmal 90 Mrd Euro in der Ukraine versacken, auf dass der Wahnsinn á la Laurel & Hardy weitergehe. Versteht mich nicht falsch: Ich habe kein Problem damit, dass Menschen ihre Sehnsucht nach Frieden in der Ukraine und anderswo ausdrücken. Da wäre ich in vorderster Reihe dabei.

Aber ich bin nicht dabei, wenn es darum geht, diese Sehnsucht zu instrumentalisieren, um immer mehr Geld aufzutreiben, mit dem der Krieg verlängert wird. Ich bin nicht dabei, wenn es darum geht, dem Frieden Bedingungen zu stellen und einen „gerechten“ Frieden á la Baerbock zu fordern, der nicht gerecht wäre, weil er nur die Interessen einer Seite berücksichtigt1.

Hat man anfangs des Krieges auf einer Geberkonferenz noch über 9 Milliarden Euro für die Flüchtlinge, den Krieg und die Folgekosten gejubelt, gewöhnt man die Bevölkerung an immer größere Zahlen. Eben wurden von der EU 90 Milliarden allein für den Krieg zugesichert. Von einer Beendigung ist keine Rede mehr, ebenso wenig, wie von den Flüchtlingen. Niemand scheint zu wissen – oder sich wenigstens dafür zu interessieren, in wessen Taschen dieses Geld verschwindet. Aber wir haben ja genug davon: 500 Mrd. Euro wurden an „Sondervermögen“ für den Krieg und die damit zusammenhängende Infrastruktur locker gemacht.

Da darf dann doch mal die Frage gestellt werden, wozu all das Geld dienen soll, wenn es denn tatsächlich dem angegebenen Zweck dienen würde.

Geht es wirklich darum, welche Fahne weht?

Geht es wirklich darum, ob die Bevölkerung in einem bestimmten Landstrich zu Russland oder der Ukraine gehört oder zu einem autonomen Gebiet, das es zu definieren gälte, wenn man am Ende des Krieges ernsthaft interessiert wäre?

Worum wäre es der Bevölkerung in Luhansk und Donezk in erster Linie gegangen, wenn man sie vor dem Krieg gefragt hätte? Geht es nicht immer zuerst darum, wie die Menschen ihre Familien ernähren? Diese Frage ist so universell, dass es eigentlich egal sein müsste, welche Flaggen über den Gebäuden der Obrigkeit wehen.2 

Es ist ein altes Muster: Den Menschen wird gesagt, dass sie diese essentiellen Fragen ihres Lebens zurückstecken sollen hinter „höheren“ Zielen.

Ich muss direkt lachen, wenn uns mal wieder erzählt wird, dass wir uns um den „Standort Deutschland“ sorgen sollen. Aber das Argument zieht leider nach wie vor. Man kann sich in dieser Hinsicht vollständig auf die mangelnde Erinnerungsfähigkeit der Bevölkerung verlassen. Ich verfolge das politische Geschehen in Deutschland seit fast 50 Jahren, und in dieser Zeit wurde schon so manche Errungenschaft geopfert, die unser Leben komfortabler und sozial sicherer machte: immer zum Ausgleich eines angeblichen Standortnachteils gegenüber anderen Ländern.

Und dann reibt man sich die Augen und fragt sich, wieso in Österreich und der Schweiz das Rentenniveau höher ist, ohne dass wir nennenswerte Standortnachteile dieser Länder ausmachen können. Und stellt Euch vor: Die Schweiz leistet sich sogar eine Demokratie, ohne daran pleite zu gehen!

Was ist denn dieses Deutschland überhaupt?

Von welchem Standort sprechen wir da überhaupt? Ich bin in Bayern aufgewachsen. Bayern hat in einer demütigenden Niederlage gegen die Preußen seine Unabhängigkeit verloren. Erst dadurch wurde aus dem losen Staatenbund, der sich bis dahin das „Deutsche Reich“ nannte, das Land, für das die Menschen Tränen in den Augen haben sollen, wenn vor dem Länderspiel die Nationalhymne gespielt wird – so wie sie früher gerührt waren, wenn der Kini ihnen einen Besuch abstattete.

Was genau ist das Deutsche an Deutschland, vor dem Hintergrund, dass sich Bayern einmal zwei Herrscher leistete: Den König in München und den Kaiser in Berlin?

Die Bevölkerung in Bayern hat aber schon von jeher ein starkes Misstrauen gegen die Obrigkeit – und das wäre historisch gesehen zunächst mal die Obrigkeit aus München. Seit 1866 hegen und pflegen die Bayern ihre Abneigung gegen die Obrigkeit in Berlin. Es ist bis in die heutigen Tage hinein eine gewisse Widersetzlichkeit zu spüren.

Sie resultiert aus dem gesunden Gespür, dass hinter all dem Brimborium, mit dem der Kini und seine Gefolgschaft verehrt wurden, einfach nur das Interesse am schnöden Mammon steckte. Von allem Reichtum, der im Land existiert haben mag, kam – nach der Errichtung der Prachtbauten in München für den Hofstaat und der Schlösser in ganz Oberbayern für den Kini – relativ wenig bei der arbeitenden Bevölkerung an. Und das wurde durch die Preissn natürlich nicht besser.

Worum geht es wirklich?

Diese traditionelle Widersetzlichkeit zeigt sich unter anderem darin, dass es in Bayern eine Reihe sehr guter Kabarettisten gibt, zu denen ich Helmut Schleich zähle. Der hat neulich mal wieder die Gegensätzlichkeit der Interessen der Obrigkeit und der Interessen der Bevölkerung auf den Punkt gebracht. Ihr müsst das anschauen, sonst versteht Ihr den letzten Satz dieses Beitrags nicht.

Das mündet in der Frage: Worum geht es wirklich, wenn wieder weitere Milliarden in den unergründlichen Tiefen des Krieges versacken sollen? Geht es tatsächlich um die für ein Foto zusammengesammelten Leichen von Butscha, für die ein Schlagersänger die letzten Tränen aus dem emotionalen Reservoir der Bevölkerung hervorlockt3, bevor die Menschen begreifen, dass sie alle – mal wieder – verarscht worden sind, von denen, die behaupten, sie machten das fürs Land, für unsere Sicherheit, für unsere Enkel?

 

1 Und das ist die Seite der NATO, nicht die der Ukraine, damit wir uns da richtig verstehen.

2 Der russischsprachigen Bevölkerung in den Ostgebieten der Ukraine wäre es möglicherweise lieber gewesen, zu Russland zu gehören, vor allem, nachdem einige von ihnen im verbarrikadierten Gewerkschaftshaus von Odessa verbrannt sind, nachdem es von ukrainischen Nationalisten angezündet worden ist.

3 Das richtet sich jetzt nicht gegen die Friedensarbeit von Patrick Kelly, die jede Achtung verdient. Es geht mir um die Instrumentalisierung der Friedenssehnsucht durch eine Politik, die an den Bedürfnissen der Anleger ausgerichtet ist, die ihren Reichtum durch einen wachsenden Markt vermehren, der aus der Angst vor einem Verlust des Friedens entsteht. Hierfür braucht es eine Aufteilung des komplexen Geschehens im Osten Europas in die Guten und die Bösen. Das ist wunderbar gelungen, wie die Kommentare unter dem Video von Helmut Schleich zeigen:

KommentarZuSchleich.png

Dass diese vereinfachende Propaganda Wirkung zeigt, sieht man auch wunderschön an dem Buch „Deutschland ist es wert: Warum ich geschworen habe, für mein Land zu kämpfen“. Es zeigt ein erschreckendes Maß an Einfältigkeit, das alle Hoffnung auf einkehrende Vernunft zu zerstreuen hilft.

Zum Bild:

Ich habe eine Karikatur mit diesem Inhalt vor Jahrzehnten in der Münchner Stadtzeitung "Das Blatt" gesehen. Ich habe sie aus der Erinnerung von ChatGPT nachzeichnen lassen.