Ich hab mein Sach auf Nichts gestellt
Donnerstag, 17.09.2026
Habt Ihr‘s gehört? Es muss wieder ein Ruck durch Deutschland gehen. Wir müssen mehr für den Standort Deutschland tun. Die jungen Menschen müssen wieder bereit sein, ihr Vaterland zu verteidigen. Wir sind Bestandteil eines WIR und müssen für das WIR Opfer bringen. Ich glaube, es wird Zeit, uns an einen ganz besonderen Denker zu erinnern.
Die Wirtschafts-„Weise“ Veronika Grimm hat mal wieder den Ruck gefordert, der durchs Land gehen soll. Die Forderung hat mich an Roman Herzogs Ruckrede erinnert, in der er alle Interessengruppen im Land aufforderte, nicht zu Lasten des Gemeininteresses zu wirken, eine Rede mit einer sehr großen Wirkung auf unser Volk.
Nicht, dass jetzt jemand von Euch glaubt, mitbestimmen zu können, was dieses Gemeininteresse denn sei. So ist das nicht gedacht. Es ist so gedacht, dass Ihr alle einen Beitrag dazu leisten sollt. Was aber genau die Interessen der Gemeinschaft, ihre Sache, ihre Angelegenheiten sind, das bestimmen andere.
Ich habe in letzter Zeit immer wieder mal auf diese seltsame Form des Wir hingewiesen: Es meint uns alle, exklusive derjenigen, die all die schönen Sätze formulieren, in denen das Wir die tragende Rolle spielt.4
Nun bin ich nicht der erste, dem dieses Wir und seine Nutzung aufgefallen ist. Der Philosoph Max Stirner hat ein ganzes Werk geschrieben, in dem es ausschließlich um das Spannungsfeld zwischen den Interessen des Wir und unseren ureigenen Interessen geht. Zu diesem Werk Der Einzige und sein Eigentum hat er ein einleitendes Kapitel formuliert, welches das Thema auf den Punkt bringt. Da niemand mehr ein Urheberrecht auf das Werk geltend machen kann, erlaube ich mir, dieses Kapitel hier komplett zu posten.
Allerdings nicht exakt im Original. Dazu könnt Ihr die oben verlinkte Quelle nutzen. Ich habe mir erlaubt, das Kapitel in die heutige Sprache zu übersetzen. Das beginnt schon mal mit einer Schwierigkeit im Titel:
Ich hab‘ mein‘ Sach‘ auf Nichts gestellt
Der Begriff „Sach“ steht hier für Angelegenheit und findet sich im Ausdruck: „Das ist doch meine Sache!“ wieder. Ich versuche also, im Folgenden hauptsächlich den Begriff Sache zu verwenden, aber manchmal ist Angelegenheit besser verständlich. Außerdem habe ich mir erlaubt, die Sprache ein wenig umzustellen und Zwischenüberschriften einzufügen um die Optik etwas aufzulockern.
Viel Spaß beim Lesen!

Was soll nicht alles meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache meines Volkes, meines Fürsten, meines Vaterlandes; nicht zuletzt die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur meine Sache soll niemals meine Sache sein. »Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!«
Dann lass uns doch mal sehen, wie diejenigen es mit ihrer Sache machen, für deren Sache wir arbeiten, uns hingeben und begeistern sollen.
Gottes Sache
Ihr wisst von Gott viel Gründliches zu verkünden und habt Jahrtausende lang »die Tiefen der Gottheit erforscht« und ihr ins Herz geschaut, sodass Ihr uns doch bestimmt sagen könnt, wie Gott die »Sache Gottes«, der wir zu dienen berufen sind, selber betreibt. Und Ihr verhehlt es auch nicht, das Treiben des Herrn. Was ist nun seine Sache? Muss er, wie es uns zugemutet wird, einer fremde Angelegenheit nachkommen, hat er die Sache der Wahrheit, der Liebe zur seinigen gemacht?
Euch empört dieses Missverständnis. Ihr belehrt uns, dass Gottes Sache allerdings die Sache der Wahrheit und Liebe sei, dass aber diese Sache keine ihm fremde genannt werden könne, weil Gott ja selbst die Wahrheit und Liebe sei. Euch empört die Annahme, dass Gott uns armen Würmern gleichen könnte, indem er fremde Interessen als seine eigenen beförderte: »Wie könnte Gott sich der Sache der Wahrheit annehmen, wenn er nicht selbst die Wahrheit wäre?«
Er sorgt nur für seine Sache, aber weil er Alles in Allem ist, darum ist auch alles seine Sache. Wir aber, wir sind nicht Alles in Allem, und unsere Sache ist gar klein und verächtlich; darum müssen wir einer »höheren Sache dienen«. – Nun, es ist klar, Gott kümmert sich nur um das seine, beschäftigt sich nur mit sich, denkt nur an sich und hat nur sich im Auge; wehe all dem, was ihm nicht wohlgefällig ist. Er dient keinem Höheren und befriedigt nur sich. Seine Sache ist eine – rein egoistische Sache.
Die Sache der Menschheit
Wie steht es mit der Menschheit, deren Sache wir zur unsrigen machen sollen? Ist ihre Sache etwa die eines Andern und dient die Menschheit einer höheren Sache? Nein, die Menschheit sieht nur auf sich, die Menschheit will nur die Menschheit fördern1, die Menschheit ist sich selber ihre Sache. Für ihre Entwicklung lässt sie Völker und Individuen sich abquälen, und wenn diese geleistet haben, was die Menschheit braucht, dann werden sie von ihr aus Dankbarkeit auf den Mist der Geschichte geworfen. Ist die Sache der Menschheit nicht eine – rein egoistische Sache?
Ich brauche hier nicht jedes Ding betrachten, das seine Sache uns zuschieben möchte, um zu zeigen, dass es ihm nur um sich, nicht um uns, nur um sein Wohl, nicht um das unsere geht. Seht Euch die Übrigen nur an: Begehren die Wahrheit, die Freiheit, die Humanität, die Gerechtigkeit etwas anderes, als dass ihr in Enthusiasmus ausbrecht und ihnen dient?
Sie geben ein außerordentlich gutes Bild ab, wenn ihnen pflichteifrigst gehuldigt wird. Betrachtet einmal das Volk, das von ergebenen Patrioten geschützt wird. Die Patrioten fallen im blutigen Kampf oder im Kampf mit Hunger und Not. Was schert sich das Volk darum? Das Volk wird durch den Dünger ihrer Leichen ein »blühendes Volk«! Die Individuen sind »für die große Sache des Volkes« gestorben, und das Volk schickt ihnen einige Worte des Dankes nach und – hat den Profit davon2. Das nenn' ich mal einen einträglichen Egoismus.
Der gütige Herrscher
Aber seht doch jenen Sultan an, der für »die Seinen« so liebreich sorgt3. Ist er nicht die pure Uneigennützigkeit? Opfert er sich nicht stündlich für die Seinen? Wohlgemerkt: für »die Seinen«.
Versuch es einmal und zeige dich nicht als der Seine, sondern als der Deine: Du wirst dafür, dass Du Dich seinem Egoismus entzogst, in den Kerker wandern. Der Sultan hat seine Sache auf Nichts, als auf sich gestellt: er ist sich Alles in Allem, ist sich der einzige und duldet keinen, der es wagt, nicht einer der »Seinen« zu sein.
Und an diesen glänzenden Beispielen wollt Ihr nicht lernen, dass der Egoist am besten fährt? Ich für mein Teil ziehe meine Lehre daraus und will, statt jenen großen Egoisten ferner uneigennützig zu dienen, lieber selber der Egoist sein.
Nichts, außer sich selbst
Gott und die Menschheit haben ihre Sache auf Nichts gestellt, auf nichts als auf sich. Sie verfolgen absolut keine anderen Angelegenheiten als die ihre. Und genau so stelle ich meine Sache auf mich, der ich so gut wie Gott das Nichts von allem Andern bin, der ich mein Alles, der ich für mich der Einzige bin.
Wenn Gott und die Menschheit, wie Ihr versichert, Gehalt genug in sich haben, um Alles in Allem zu sein, so spüre ich, dass mir dieser Gehalt nicht abgeht, sodass ich über meine »Leerheit« wohl nicht klagen werde. Ich bin nicht Nichts im Sinne der Leerheit, sondern das schöpferische Nichts, das Nichts, aus welchem ich selbst als Schöpfer Alles schaffe.
Bleibt mir weg mit jeder Sache, die nicht ganz und gar meine Sache ist! Ihr meint, meine Sache müsse wenigstens die »gute Sache« sein? Was ist schon gut, was böse? Ich bin ja selber meine Sache, und ich bin weder gut noch böse. Beides hat für mich keinen Sinn.
Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache »des Menschen«. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist nichts Allgemeines, sondern ist – einzig, wie ich einzig bin.
Mir geht nichts über mich!
Das verwendete Bild ist eine Karikatur Stirners aus der Feder von Friedrich Engels.
Alle Anmerkungen sind von mir, also: Mirko.
1 Was nicht heißt: Den Menschen fördern
2 Ihr versteht: In dem Sinn seid ihr nicht das Volk. Deshalb habe ich das Volk kursiv gesetzt.
3 Das erinnert mich an die Aussage einer etwas einfältigen Person, die sagte: „Ich finde es gut, dass Herr Merz Kanzler geworden ist. Er sagt, er tut das alles für seine Enkel“.
4 Das ähnelt ein wenig dem „imperativen Plural“, der oft von Erwachsenen gegenüber Kindern genutzt wird: „Jetzt gehen wir besser nach Hause“ heißt nicht, dass der Urheber dieses Satzes nach Hause geht, sondern nur die angesprochene Person.