Bumsti!

Sonntag, 15.03.2026

Mirko Matytschak

Seit dem Einmarsch der Truppen Russlands in die Ukraine beeilt sich die Politik in Deutschland, den Krieg wieder hoffähig zu machen. Natürlich will keiner den Krieg. Nur hält man ihn für unvermeidlich und möchte die jungen Menschen dafür gewinnen, das „postheroische Zeitalter“ zu beenden. Dabei setzen die Protagonisten auf ein altbewährtes Rezept: auf Dummheit gepaart mit mangelnder Bildung.

Die gezeigten Bilder sind innerhalb von zwei Tagen auf n-tv erschienen.

Wenn man massenhaft Menschen von einer Sache überzeugen will, braucht man Medien, welche die Frohbotschaft verkünden. Leser meines Blogs wissen: Ich ein Gegner von Verschwörungstheorien, die besagen, dass irgendwelche verborgenen Strippenzieher mit sanftem Nachdruck dafür sorgen, dass alle Medien das gleiche schreiben.

Nein, das Spiel läuft anders: Alle Journalisten, die es zu was bringen wollen, beteiligen sich freiwillig am Spiel mit der Macht. Sie vernetzen sich mit denjenigen, die die Macht haben und produzieren Inhalte, von den sie glauben, dass jene sie hören wollen.

Propaganda für die schlichten Gemüter

Wer sich an den Netzwerken der Macht nicht beteiligen will, darf darauf verzichten. Er / sie macht zwar von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch, bringt es aber zu nichts. So einfach ist das.

So funktioniert ein Propagandasystem, das uns weis machen will, dass weniger Kliniken eine bessere Versorgung bringen und dass es eine Gefahr für den „Standort Deutschland“ darstellt, wenn Krankenkassen die Zahnbehandlungen der arbeitenden Menschen bezahlen. Dieses Propagandasystem funktioniert völlig auf Willfährigkeit Freiwilligkeit.

Als ich noch jung war, funktionierte das genauso, wie heute. Die etwas bildungsferneren Kameraden in der Schule und im Studium konnten nicht verstehen, wie jemand gegen atomare Aufrüstung sein konnte und warum Menschen den Wehrdienst verweigern. Die Trennlinie konnte mit chirurgischer Präzision gezogen werden: Die einen hatten Bücher gelesen, in denen beschrieben wurde, was der Krieg tatsächlich ist.

Die anderen interessierten sich für nichts und stellten sich auf den Standpunkt, dass der Russe nur die Sprache der Stärke verstehe. Die einen fragten sich, ob es eine Alternative zur irrsinnigen Hochrüstung der „Supermächte“ gibt, damit die Waffen nicht eines Tages zum Einsatz kommen. Die anderen hielten Diplomatie für Zeitverschwendung.

Sie waren auf dem Niveau von 12-jährigen stehen geblieben, die sich dafür begeistern konnten, wenn im Finale der neuesten James-Bond-Verfilmung das Militär alles in Grund und Boden geschossen hatte und dann die Bauwerke der Bösewichte in Flammen aufgingen:

Bumsti!

Diese Einsicht ist nicht neu. Schon 1915 hat Karl Kraus die Haltung derjenigen beschrieben, die den Knalleffekt von Waffen bewundern1:

Hauptquartier. Kinotheater. In der ersten Reihe sitzt der Armeeoberkommandant Erzherzog Friedrich. Ihm zur Seite sein Gast, der König Ferdinand von Bulgarien. Es wird ein Sascha-Film vorgeführt, der in sämtlichen Bildern Mörserwirkungen darstellt. Man sieht Rauch aufsteigen und Soldaten fallen. Der Vorgang wiederholt sich während anderthalb Stunden vierzehnmal. Das militärische Publikum sieht mit fachmännischer Aufmerksamkeit zu. Man hört keinen Laut. Nur bei jedem Bild, in dem Augenblick, in dem der Mörser seine Wirkung übt, hört man aus der vordersten Reihe das Wort:
Bumsti!

Man hätte meinen können, dass die Menschheit wenigstens in Hinsicht auf die infantile Sprache dazugelernt hat, mit der der Krieg verharmlost wird. Aber weit gefehlt: die Atombombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde, hatte den Namen „Little Boy“.

Die Bombe ist ein Spielzeug

Der „Friedensstifter“ Donald Trump hat in seiner ersten Amtszeit aus reinem Zeitvertreib eine Bombe mit extremer Sprengkraft über Syrien abwerfen lassen. Der Name der Bombe wurde so gewählt, dass die Abkürzung des Namens, MOAB auch für „Mother of all Bombs“ stehen konnte – in Anlehnung an Saddam Husseins „Mutter aller Kriege“, welche der Irak in einem Anflug heroischer Idiotie gegen die USA verloren hatte.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass als Antwort auf die MOAB die Russen eine noch größere Bombe Vater aller Bomben genannt haben.

Infantile Kindsköpfe bekleiden politische Ämter und entscheiden in der NATO darüber, ob eine Bedrohung vorliegt, ob wir Krieg führen müssen oder nicht. Sie sitzen dabei mit denjenigen am Tisch, die an der Kriegsführung gut verdienen: Der Rüstungsindustrie. Das Schlimmste, das dieses Gremium in seiner Geschichte je hat erleben müssen, war die Annäherung Europas an die Sowjetunion unter Gorbatschow. Das Schlimmste, das diesem Kreis an Bellizisten passieren kann, ist ein dauerhafter Frieden.

Aber sie können sich auf die Kindsköpfe in der Bevölkerung verlassen, die mit Berichten und Fotos über die großartige Wirkung moderner Waffensysteme so erzogen werden sollen, dass sie Kriege wieder für ein gangbares Mittel halten. Waffen, die wie Videospiele eingesetzt werden und mit hoher Präzision die militärische Infrastruktur des Gegners zerstören, wenn sie nicht gerade 50.000 Zivilisten in Palästina oder eine Mädchenschule im Iran treffen. Aber was juckt es uns? Hauptsache, es hat ordentlich gescheppert. So kommen wir ins post-postheroische Zeitalter, in dem es wieder schick ist, sein Leben für das „Vaterland“ zu geben – wenn schon nicht für Blackrock. Man wird ihnen hübsche Denkmäler setzen, auf denen ihre Namen zu sehen sind.

Und könnte jemand mal den „Olivgrünen“ erklären, dass die Bombardierung von Öllagern einen gewaltigen Dreck in die Atmosphäre pustet, der an Klimaschädlichkeit seinesgleichen sucht?

Zum Abschluss noch ein Zitat des „Nörglers“ aus den „Letzten Tagen der Menschheit“, das wortgleich auf die heutige Zeit zutrifft:

So sehr ist das Mittel Selbstzweck geworden, daß wir im Frieden nur noch militärisch denken und der Kampf nur noch ein Mittel ist, um zu neuen Waffen zu gelangen. Ein Krieg zur höheren Ehre der Rüstungsindustrie. Wir wollen nicht nur mehr Export und darum mehr Kanonen, wir wollen auch mehr Kanonen um ihrer selbst willen: und darum müssen sie losgehen. Unser Leben und Denken ist unter das Interesse des Schwerindustriellen gestellt; das ist eine schwere Last. Wir leben unter der Kanone.

1 Karl Kraus, „Die letzten Tage der Menschheit“,  2. Akt, 28. Szene

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